Vor x Wochen – Tag 8: Ruhlesee – Berlin

Die Nacht ist schultraumdurchweht. Und von der 2 km entfernten Autobahn durchlärmt. Klingt unwahrscheinlich? Aber ich habe es so wahrgenommen. Bin am Morgen gerädert, unausgeschlafen, und falle nach diesem Blick aus dem Zelt nochmals in tiefen Schlaf. Bis mich um halb zehn das Telefon weckt. Oh mein Gott, verschlafen. Um drei wollte ich in Berlin sein. Das wird nun nichts mehr. Ich telefoniere ein wenig herum, um die Berliner Wartenden umplanen zu lassen. Und schon greifen Terminzwänge wieder mit ihren Tentakeln nach mir.

 

 

Zum Glück kann ich dieser Bedrängnis noch ein paar Stunden entfliehen. Packe in Ruhe ein, frühstücke und gestalte mir die letzten Reisestunden bewusst ruhig. Ohnehin dauert heute alles länger. Das Ausschütteln des märkischen Sandes aus sämtlichen Gepäck- und Kleidungsstücken benötigt mindestens eine Extrastunde.

 

 

Kurz vor Mittag bin ich auf dem Weg. Dieser gestaltet sich heute heiß und hügelig, im Inneren tönt die ganze Zeit ein mimimi. Nach 15 Kilometern bin ich in Biesenthal, Berlinnähe – von hier ab sind viele Ortsnamen für mich erinnerungsgetränkt. In diesem Ort zum Beispiel wohnt der beste Referendariatsausbilder von allen – würde ich den jetzt hier treffen, hach. Und hier war ich Ende der 70er im ersten Probenlager meines Lebens.
Heute ist der Ort laut. Und wie gesagt heiß. Außerdem befinde ich mich spürbar schon im Ausflugsbereich von Berlin: Tagesradler, so weit das Auge reicht. Von hier ab grüßt man sich nicht mehr auf den Radwegen. Ich versuche noch ein paar zögerliche Grüße, aber man schaut an mir vorbei. Oder mich komisch an. Ja, die rüde Art und Fahrweise von Autos und Rädern ist ernüchternd. Ein derber Aufprall nach dieser sanften Woche.

 

 

 

 

Nach früheren Touren übrigens bin ich abschließend in die S-Bahn gestiegen, um die Stadteinfahrt zu vermeiden, der Aufprall in der überfüllten, hektischen Realität war immer schlimm. Heute daher der Versuch, mich dem Stadtmoloch auf dem Berlin-Usedom-Radweg zu nähern. Tatsächlich ist der Weg wunderbar geführt, ausgebaut und ausgeschildert, wenn er nur nicht so voll wäre. Ich bleibe gefangen in meinem mimimi-Empfinden, störe mich am Gegenwind, an den Hügeln, an den Straßen, an der Hitze, an allem. Willkommen Ferienende :(
(Brauche ich zum Radfahren Umgebungsidylle? Könnte man fast meinen.)

Kurz vor der Stadtgrenze, in Bernau, ist ein Eis dran. Das muss jetzt einfach noch sein. Ich blicke auf einen Alt-neu-Kontrast (symbolisch?), versuche, die Nachbartischgespräche auszublenden, trage letzte Worte ins Reisetagebuch ein und seufze leise.

 

 

Direkt am S-Bahnhof Bernau vorbei geht es dann. Nein, ich steige nicht ein. Aber ich erinnere mich. Von hier aus starteten wir 1985 mit der Klasse zur Radtour an die Ostsee, was meine erste Mehrtagesradfahrt war. Hier hat also alles angefangen, sozusagen. Kurze Gedenksekunde, und weiter geht’s. Die Freunde in Berlin warten.

 

 

Der Berlin-Usedom-Radweg ist wirklich allererste Sahne-Wahl für diesen Tag. (Berliner, hört! Ein Tagesradausflug par excellence.) Er führt durch die Parks in Buch und Niederschönhausen (in all meinen Berliner Zeiten habe ich die nie entdeckt – und was sagt das jetzt über mich?) , an der Panke entlang, autofrei, in optischer Idylle. Grüner kann Großstadt nicht sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

Akustisch natürlich bin ich mitten in Berlin. Mit jedem Kilometer wird es lauter. Nach der Mecklenburgwoche platzt mir fast mein Ohr. Unglaublich, wie ich hier aufwachsen konnte und das NIE wahrgenommen habe. Ja, ich frage mich, wie man in der Großstadt leben kann, ohne sich permanent die Ohren zuhalten zu wollen. (Die Frage beantwortet sich dann schon im Laufe des Abends. Als wir Stunden später mit den Freunden in der Straßenkneipe sitzen, bin ich bereits in der Lage über den Lärm hinwegzuhören. Alles ist wieder normal. So schnell geht Assimilation. Schnief.)

 

 

Nun aber zunächst die letzten Kilometer schaffen. Letzte Kurzpause in Pankow-Heinersdorf. Telefonieren: noch 7 Kilometer. Abschiedsgefühl. Gar nicht wegwollen von diesem Stein am Wegesrand, auf dem ich  mich niedergelassen habe.

 

 

Tatsächlich schaffe ich es noch – dank konsequenten Schildernichtbeachtens – aus den 7 km 11 oder 12 zu machen. Ich besichtige also noch Teile des Weddings, die ich immer schon mal sehen wollte, kurve mich mäanderförmig durch die Straßen und springe dann doch über meinen Schatten: Auch Berlinerinnen dürfen in Berlin ein Navi benutzen.
So. Die vertraute S-Bahn-Brücke. Von hier weiß ich den Weg.

 

 

Und bin angekommen.
Rechtzeitig, um zu den Freunden in der Straßenkneipe dazuzustoßen. Und für den Rest des Abends zu vergessen, dass übermorgen Rückfahrt in den Süden und überübermorgen wieder Schule ist …

 

 

Fazit, sagt der Tacho: Hamburg-Berlin dauert 572 Fahrradkilometer. Da können Autofahrer nur verwirrt den Kopf schütteln …

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s