Vor x Wochen – Tag 7: Drosedow – Ruhlesee

Nun ist es passiert: das Schulleben hat mich fast aufgefressen, ich kann kaum noch abschätzen, wie lange meine Reise schon her ist. Eher weiß ich, dass es bis zum Start der nächsten noch drei Wochen sind. Also erzähle ich hier schnell die restlichen Kilometer bis Berlin, bevor ich wieder unterwegs sein werde. Falls ich mich nach so langer Zeit und aus dem derzeitigen Schulendetrubel heraus überhaupt erinnere …

So ein See verströmt Ruhe. Viel Ruhe. Zeltplätze müssten immer an Seen sein.
Ich will mich morgens gar nicht losreißen. Nur meine Vernunft, die rechnet Kilometer und Stunden zusammen (für die mitlesenden Physiker: natürlich dividiert sie diese, gell) und sagt zu mir: Hopp. Auf.
Wie immer brauche ich sehr lange. Die ringsum zusammenpackenden Wasserwanderer sind aber im gleichen gemächlichen Tempo unterwegs, das fühlt sich wunderbar gemeinschaftlich ruhig an.

 

 

Neben meinem Zelt gibt es eine altersangemessene :)  Sitzgelegenheit, ich spüre denn doch beim Bodenhocken die 40+ und nehme diese Bank dankend an. Weil es so gemütlich ist, lese ich mich gleich noch in meinem Roman fest …

 

 

… bevor mir die Rechnung mit den Stunden und Kilometern wieder einfällt und ich Abschied vom See nehme.

 

 

Eigentlich könnte ich heute an jeder Ecke innehalten, irgendwo ist immer Wasser und Stille und Blick und Blätterrauschen. Man sollte in solchen Weltgegenden kein Kilometerpensum haben.
Habe ich aber. Lehrerin muss am Montag wieder vor der Klasse stehen. So ist das eben.

Mehrmals überquere ich die Havel. Ich bin passionierte Schleusenguckerin – dieser Teil meines Selbst kommt heute ausgiebig auf seine Kosten.

 

 

Ebenso wie der Teil in mir, der Orte am Wasser liebt und sich fragt, warum er selbst ein Haus auf nem Berg bewohnt. Ein Heimatgefühl, wie ich es kaum anderswo finde.

 

 

Kurz hinter Fürstenberg dann Abschweifen in eine andere Welt. Eine ganz andere.
Ravensbrück.
Ein seltsames Gefühl vorbeizufahren an den Gebäuden, welche davon zeugen. Erinnerungstafeln zu lesen von einem vergessenen Mädchen-KZ. Die Holzstelen, die dessen Dimensionen markieren, am Wegesrand zu passieren. Ein paar Schritte neben mich treten, von oben auf das große Ganze schauen. Keinen Faden finden, kein Gerüst, das beides verbinden mag: mein sonniges Reisesein mit der damaligen Düsternis. Ich fahre still weiter.

 

 

Ein paar Kilometer weiter eine Abschweifung anderer Art. Die Jahreszeiten scheinen verwechselt. Doch nein, ich lese: Hier in Himmelpfort wohnt der Weihnachtsmann. Aha.

 

 

Zur Beruhigung wieder eine Schleuse (wirkt!) und Weiterfahrt auf Brandenburgs fantastischen Asphaltradwegen.

 

 

An manchen Ecken glaubt man, alle Baugelder seien in eben diese Radwege geflossen, …

 

 

… und der Name Globe.trotter hatte bei mir bislang auch eine frischere Optik.

 

 

Ein See, ein See.
Ich muss heute Kilometer schrubben, aber diese Verweilorte sind es, welche mich trotz der Eile bei mir bleiben lassen.

 

 

In Zehdenick eile ich leider nur durch, hier könnte man sicher gut den Abend verbringen.

 

 

Eine Kanalfahrt bis Liebenwalde …

 

 

… wo mich meine Reifen mangels Campingplätzen in Berlinnähe vom wunderbar ausgebauten Havelradweg wegführen müssen. Vorher noch schnell Abendessenseinkauf, denn ich zweige ins Fuchs-und-Hase-Hinterland ab.

15 km querfeldein. Da soll irgendwo ein Campingplatz sein. Ich muss vertrauen, denn es sieht lange nicht danach aus, dass überhaupt noch etwas kommt. Die hiesigen Menschen aber scheinen verirrte verwirrte Touristen gewohnt und sind sehr freundlich: „Is nich mehr weit, det schaffen’se!“ Ja, darauf hoffe ich.
Tatsächlich, Ruhlsdorf erscheint am Horizont, wird größer, gleitet am Wegesrand vorbei, und schon habe ich die Wahl zwischen zwei Campingplätzen.

 

 

Ich wähle erst den falschen, und auf dem richtigen dann den falschen Eingang. Aber irgendwann haben der Platzwart und ich uns gefunden. Ja, er holt mich sogar mit’m Radel ab, um mich zur richtigen Anmeldung zu bringen. Ein alter DDR-Zeiten-Campingplatz, der Rezeptionswohnwagen und sein Mobiliar versetzen mich zack zurück in Kindheitserinnerungen. Noch älter scheint das vergilbte Buch zu sein, in dem liebevoll mein Ankommen und mein baldiges Abfahren sütterlinnotiert werden. Ich schmunzele und finde diese Szene großartig.

Ebenso großartig wie die Nettigkeit, dass er mir eine zweite Duschmarke schenkt. Und ha, ich werde am Abend natürlich nur einmal duschen, und die zweite Marke für später aufheben. Mir dämmert nämlich, dass es auf allen Campingplätzen der Welt identische Duschmarken zu geben scheint. Mit dieser Vorratsmarke kann ich nun also jegliches verspätetes Ankommen trotzdem beduschen. Ich werde beim Kauf immer eine Duschmarke voraus sein. Plane ich umgehend.

Aber hier erstmal ankommen, Zelt aufbauen, See einatmen, kochen, Beine ausstrecken (es waren heute 102 km), Tee trinken. Und schlafen.

Nicht ganz einfach übrigens, denn ich bin mittlerweile, nach diesen Tagen, sehr lärmempfindlich.
Die beiden Dauercamperinnen, die aus ihrem Leben plaudern, so dass es auch die letzte Stillzelterin noch sthört, gehen wenigstens irgendwann ins Bett.
Aber in 2 km Entfernung ist eine Autobahn – sehe ich auf der Karte. Deren Geräusche wehen mitten auf mich. Unglaublich, wie laut das sein kann, wenn sonst nur Stille ringsum ist.

 

 

 

 

 

 

 

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2 Kommentare

  1. Eine angenehme Mitreise war das Lesen und Schauen eben!
    So könnte ich nicht reisen. Weil ich überall, wo es mir gefällt, für immer oder lange Zeit bleiben will! Und allein irgendwo zelten, das ginge aus Gründen überhaupt nicht, liebe Physikwegsdivisionsradlerin!

    Gefällt mir

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