Zwischen den Polen eines Tages

Er beginnt schon damit, dass du ihn verfluchst, den Tag. Und seine Wärme. Und den Ferienplan, der das Schuljahresende in den Juli legt, und den Juli selbst, der eben immer mit Hitze daherkommt.
Und die schier nicht zu überblickenden Stapel auf dem Schreibtisch, denen du dich schon widmest, bevor sich im Haus wer anders überhaupt regt. Bevor sie wach werden, die Kinder, schnell noch etwas wegkorrigieren.
Am Vormittag dann bleiben die Stapel liegen, weil die Telefonate wegen des Rosenkriegskindes dringend und lange raumgreifend sind. Parallel versuchst du eine Doppelstunde zu tauschen, damit die Woche überhaupt durchstehbar wird, da aber allseits die Nerven blank liegen, geht das nicht unter 20 gereizten Emails vonstatten. Apropos: Das Mailfach quillt über, du arbeitest ein paar Eisbergspitzen ab.
Die Klassenarbeit ist immer noch nicht fertig – wieso hast du denn auch nur Klassen mit über 30? – und zieht sich in den Nachmittag. Wo du schon längst was anderes … Zeitnot macht sich breit. Und der schaudernde Gedanke, dass du morgen und übermorgen je 12 Stunden außer Haus zu arbeiten hast, und noch nix – NIX – vorbereitet hast. Da bist du doch eigentlich Profi und brauchst trotzdem fast zwei Stunden, oder mehr?, bis die nächste Physikarbeit steht. Und die Mathearbeit für Mittwoch, Mist, das Heft liegt in der Schule, die Grafik flickst du dann also morgen in der nicht vorhandenen Mittagspause ein.
Bleiben vier Doppelstunden vorzubereiten. Der Gedanke, morgen wieder an die 30 Grad im Klassenzimmer zu haben, das lässt dir schon jetzt die Knie weich werden. Wie überhaupt soll dann noch Unterricht gehen, du pfriemelst mühsam ein paar Ideen zusammen, wie du die 12jährigen über 90 Minuten gesundheitsverträglich beschäftigen wirst. Und die Checkliste, mensch, die brauchst du zwar erst am Mittwoch, aber morgen ist ja auch keine Zeit. Du erinnerst dich nur noch mühsam, was du letzte Woche mit dem Differenzierungslehrer der 9er abgesprochen hattest über die Trainingsstunde – dass der sich ebenfalls nicht erinnert, macht die Absprache nicht leichter. Voller Schrecken zählst du den Kalender ab und stellst fest, dass es allerhöchste Zeit wird mit den 8er-Einzelgesprächen zu beginnen, weil die doch noch eine Woche weg sind – wie konntest du das aus dem Auge verlieren? Damit ist der Bockwurstversuch für morgen hinfällig, na gut, bei der Hitze kommt der wohl eh nicht so gut. Also noch schnell ein Arbeitsblatt ausdenken, damit die während der Gespräche nicht über die Tische springen.
Und dann blätterst du vor lauter Nichtmehrwollen und -können in Blogs herum, entdeckst, dass die liebe Frau Henner schon fertig ist mit allen Korrekturen für dieses Jahr, du neidest ihr das nicht, die ist ja auch ne tolle, aber du fühlst dich wie der letzte Organisationstrottel, der sich mal wieder selbst in die Hitzekorrekturschlacht hineinmanövriert hat. Die drei Arbeiten, die du erst noch schreiben musst, und all diese Termine, all das … lässt dich kurz verzweifelt auf dem Boden hocken, weil dieser Berg aus aufgelaufenen Dingen zum Besteigen sowieso viel zu hoch scheint. Du denkst an Frau Weh, diesen Schatz, die ist bestimmt schon im Trubelwirbel untergegangen (oh nee, hoffentlich nicht – hej, wo bist du, ich vermisse dich!), wenn du jetzt nur ein Fünkchen ihres Humors hättest …
Es greift dich fast schon an, so im Innern.

Und plötzlich betritt dieses kleine Mädchen dein Zimmer, dieses wunderbar fröhliche Tochterkind. — Und du liest ein paar Worte, einen Text über das Dankbarsein. — Und du denkst an das Überraschungsfest, welches du am Mittwoch besuchen wirst: Feiern, dass die letzte Chemo geschafft ist.
Welch Geschenk, dass du dies mit den Freunden feiern darfst. — Welch Geschenk, dass du hier gesund sitzen zu darfst, nur kurzzeitig von ein paar kleinen Aufgaben ein bisschen überfordert. — Welch Geschenk, dass du diese Tochter vor dir tanzen siehst, diesen Menschen mit den strahlendsten Augen der Welt.

Es rückt sich manches in dir zurecht, in diesem Moment. Du schaltest Bach-Musik ein, weil diese dir das Ganze in so einzigartige Tiefe hineinsenken kann. Du atmest ein paarmal durch. Bis die Nervosität aufhört zu rasen, bis die Beengtheit ihren Gürtel wieder weiter schnallt, bis die Traurigkeit einer leise ziehenden Sehnsucht weicht.

Und du beendest den Tag wie er begonnen hat: mit den Physikarbeiten. Punkte und Noten stehen schon drunter. Es fehlen noch persönliche Worte, ein paar wenigstens, die du den Schülern dazu mitgeben willst. Damit sich morgen auch für die Schüler ein Bogen schließen kann – zwischen der Zahl, die zuweilen schmerzen wird, ja, und dem Eigentlichen, was du in diesen jungen Menschen siehst. Und falls du es jetzt nicht mehr schaffst – es ist ja schon spät – falls dir nicht für jeden ein stimmiges Wort einfällt, dann hast du sie ja morgen noch vor dir sitzen, einzeln, jeden ganz kurz, für einen Augenblick.

Um diesen Tag weiterzuleben.
Um diesen Tag weiterzugeben.

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2 Kommentare

  1. Deine Worte sprechen mir aus der Seele! Vielen Dank für diesen Post.

    Ich arbeite ebenfalls als Lehrerin, habe 3 wunderbare Kinder zuhause (deren Wunderbarkeit ich im Alltagsstress viel zu oft übersehe) und auch bei mir türmen sich die Stapel aus Klassenarbeiten, Notenlisten, Zeugnisentwürfen,….

    Ich wünsche Dir gutes Durchhalten und in 2,5 Wochen dann endlich die ersehnten Ferien.

    Grüßle

    Hortensia

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  2. Vielen Dank, liebe Hortensia. Solche Worte freuen mich. Es tut gut, dieses Empfinden zu teilen, gerade weil es – jedenfalls bei mir – oft auch mit Übeforderungsgedanken und schlechtem Gewissen verbunden ist.
    Dir auch gutes Hineinkommen in die Ferien, oder Weiterdrinbleiben, falls du schon längst welche hast,
    Uta

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