Liebe Abiturienten,

natürlich war morgens die Schule verbarrikadiert, unser Parkplatz zugeparkt, laute Musik auf dem Schulhof. Gähn, nichts Neues unter der Sonne, dachte ich so.

Doch dann. Eigentlich war es sofort sichtbar. Wäre man nur ohne Vorurteil dazugekommen. Ihr tanztet da vorn, warft Konfetti (und nicht irgendein Ollzeug, Mehl oder so, von dem die Schüler sich in den Vorjahren bekleckern lassen mussten), und hattet da schon kleine witzige Aktionen vorbereitet. Die Schüler schauten ganz ungläubig. Kennen es ja nicht anders, als dass sie beim Abistreich nass und schmutzig gemacht werden, und dass es das dann war. Diesmal also weder nass noch schmutzig, und gewesen war es das noch lange nicht.

Natürlich – altbekannt – ein Parcours in die Schule hinein: über Stangen und Geröll drüber und unter Strippen und Planen hindurch klettern. Doch hier ein erstes Novum: Ihr hattet uns hinten eine Tür offen gelassen. Uns sogar drauf hingewiesen welche. Denn klar, als Lehrer hat man nur bedingt Freude daran, über Stangen und Geröll drüber und unter Strippen und Planen hindurch zu klettern. Und dabei aus dem Augenwinkel immer im Blick zu haben, dass all den kletternden Kleinen nichts passiert. Aufsichtspflicht und so. Dafür hattet diesmal ihr gesorgt: euch mustergültig an der Strecke postiert, Hilfestellungen, Sicherheitsabsperrungen, Verwarnungen für junge Regelbrecher. Sicherheitsdienste hätten ihre wahre Freude an euch gehabt.

Ein wahres Juchhu entfuhr uns, als wir das Lehrerzimmer betraten: Luftballonbällebad bis Bauchhöhe, da wird der Lehrer wieder zum Kind. Und – boah, ej (wer hat das bezahlt?) – quer über unsere Arbeitsplätze verteilt Kisten mit süßen Teilchen. Ich halte mir jetzt noch den prallen Bauch. Das war wirklich SEHR nett und liebevoll von euch! Und nicht genug: damit wir auch ausgiebig frühstücken können, habt ihr das traditionelle Schulhausrichten – alles, was ihr in der Nacht so umgeordnet habt, müssen die Schüler in detektivischer Kleinarbeit wieder zusammensammeln – in die Hand genommen. Die Kleinen angeleitet, die Stühlewanderungen durchs Haus koordiniert, beim Suchen vermissten Inventars Tipps gegeben … Ihr habt wirklich an alles gedacht. Wie oft schon waren wir Lehrer in dieser Phase höchst angenervt. Diesmal durften wir einfach nur frühstücken. Ihr habt es wirklich sehr gut mit uns gemeint!

Und wie ihr später in die Klassen gekommen seid, um den „Unterricht“ zu übernehmen. Auch dabei: sooo kooperativ. Wenn wir nicht eh schon vorher eingeweiht waren, habt ihr euch gern noch für eine Viertelstunde wegschicken lassen. Ich schreib doch nächste Woche mit den 8ern die Arbeit. Das Experiment musste noch durch. Danke, dass ihr flexibel wart. Danach habe ich gern euch an den Lehrertisch gelassen. Euer Programm für die Klassen war wohl sehr speziell und individuell für jede einzelne Klasse gestaltet. Kein Nullachtfuffzehn, haben uns die Schüler erzählt. Ich les demnächst mal nach, denn ihr habt alle Inhalte akribisch in den Klassenbüchern vermerkt. Ganz wie es sein muss in einem ordentlich dokumentierten Schulbetrieb.

Wir selbst waren, wie gesagt, ja nicht dabei, sollten ins Lehrerzimmer gehen. Das Frühstück war aufgeräumt, und es gab einen Film für uns. Nur für uns. Toll. Dass unser Beamer nicht funktionierte und wir alle vor dem winzigen Laptop hockten, dafür konntet ihr ja nichts. Wir waren auch so begeistert. Und werden von nun an bei künftigen Abistreichen immer gleich morgens die Frage stellen: „Dürfen wir Film schaun?“ Mitlesende Lehrer kennen diese Frage und ihren Tonfall. Und nein, vor „Film“ gehört keinesfalls ein Artikel.

Danach kamen leider unsere zwei „echten“ Unterrichtsstunden. Das ist immer Vereinbarung: 3. und 4. ist Unterricht, ihr dürft(et) nicht stören. Habt ihr wirklich nicht, auch dies ein Novum. Es danken vor allem jene Kollegen, die an dem Tag (leider) eine Klassenarbeit geplant hatten. Das war mir ja mal passiert, den Termin in meiner Planung völlig verpennt. Gestern haben wir uns gemeinsam erinnert: das wart nämlich IHR, mit denen mir das passiert war. Damals in der 7. Klasse. Physikarbeit über Optik. Ich weiß noch, wie ihr bibbernd, weil nassgespritzt, gleichwohl willig, da kein Mensch eine Arbeit verschieben möchte, für die er schon gelernt hat, inmitten des Abistreichgetummels emsig eure Physikarbeit geschrieben habt. Asche auf mein Haupt. Und ein Kompliment für euren damaligen Willen, Jahre später. Trotzdem habt ihr es mir gestern nicht heimgezahlt. Ihr seid eben einfach großartig.

In der 5./6. Stunde dann der Höhepunkt des Tages. Der sich in so manchen Jahren schon zum Gähnen einfallslos in die Länge gezogen hat. Oder gar ganz ausgefallen ist. Ihr aber habt eine kleine Rahmenhandlung erschaffen (mal eben die Klassensprecher entführt, damit sie freigespielt werden können) und koordiniert alle Schüler aus dem Schulhaus abgeholt. Was dann auf dem Sportplatz abging, darüber blieb uns fast der Mund offen stehen: Ihr habt sie stufenweise gesammelt und aufgestellt – so viel Disziplin ist in einer 800er-Masse selten – sie instruiert, Ruhe und Zuhören eingefordert (wir mussten grinsen: habt ihr uns imitiert, aber perfekt). Und dann ging’s los, jede Klassenstufe ihr Spiel. Nun könnte man ja meinen, Pubertierende rollen dann einfach müde mit den Augen, und das wars. Eure Spiele aber waren einfach nur Klasse. Wagenrennen, Bierpong, das Rüsselspiel, der etwas andere Staffellauf, und der adaptierte Eierlauf. Mensch, ich hatte schon vergessen, dass 11-bis-17-jährige juchzen und jubeln und kreischen und engagiert kämpfen können, ohne sich dabei peinlich zu fühlen. Wahrscheinlich haben sie sich so ungehemmt darauf eingelassen, weil ihr es ihnen vorgemacht habt. Und weil eure Spiele wirklich großartig kreativ waren. Wir Lehrer standen einfach nur kopfschüttelnd staunend, wie ihr unsere Schülerscharen zu nehmen, packen und begeistern vermochtet.

Und am meisten beeindruckt mich, dass ihr, wie es schien, ALLE beteiligt wart an dieser Aktion. Dass ihr sie gemeinschaftlich geplant und durchgeführt habt, euer ganzer Jahrgang. Und rührend, wie ihr anschließend zerknirscht euer Bedauern geäußert habt, dass beim großen Sportplatzevent keine Extrastation für die Lehrer dabeigewesen wäre, das hättet ihr irgendwie vergessen. Nee nee, war schon gut so. Ein bisschen Aufsichtspflicht mussten wir ja doch wahrnehmen (obwohl ihr auch hierbei wieder umsichtig, verantwortungsvoll und reif wart), und wir hatten wirklich Freude an den Schülerstationen. Wagenrennen und Bierpong, ich zum Beispiel.

Ehrlich: Euer Abistreich war ein Geschenk. Auf ner Skala von 1 bis 10 geb ich mal 12 Punkte. Und sage: Dass ich das noch erleben durfte. Wir engagieren euch als Coaches für die Abistreiche künftiger Jahrgänge.

Und nun geht gut ins Leben hinaus. Es ist natürlich ein bisschen schade – es war gerade so schön mit euch. Aber ihr seid eben reif. Und WIE reif ihr seid! Wir wünschen euch von Herzen, dass ihr in euer „echtes“ Leben ebenso kreativ und bunt startet, dass ihr andere Menschen ebenso begeistert und mitreisst wie gestern, dass ihr die Umsicht und Verantwortung weiterlebt, die ihr hier zum Abschied gezeigt habt, dass ihr euch verschenkt mit allem, was ihr zu geben habt. Das ist eine Menge. Ja, ihr seid für uns ein Geschenk gewesen.
Und ich wünsche euch, dass ihr in eurem Leben die Freude weiterlebt, die ihr mit uns gestern geteilt habt. Auch wenn diese im Leben zuweilen stillere Formen annehmen wird – möge sie euch nie ganz verloren gehen!

Wir werden euch vermissen. Vorher aber stoßen wir noch an, übermorgen auf dem Abiball. Auf die vier Jahre, die ich euch unterrichten durfte. Und auf die vielen Jahre, die jetzt vor euch liegen. Und sollten uns noch mehr Gründe zum Anstoßen einfallen – gern! Ich komm extra nicht mit dem Auto.

Ihr seid toll. Nur damit ihrs wisst.
Eure Frau Rebis
(die jetzt ein Tränchen im Auge hat)

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5 Kommentare

  1. Das Tränchen sitzt auch in meinem Auge über diesen schönen Text.
    Und ich hoffe, dass in sieben Jahren mal eine Kollegin oder ein Kollege von Dir solche Gedanken über meine Tochter hat.
    Ich würde sagen: Alles richtig gemacht!

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  2. Das mit dem abituriellen Frühstücksservice hat mir besonders gut gefallen!
    Mir fiel dabei ein, dass ich zur Abifeier meinerselbst ein schönes Kleid mit Kirschen drauf trug…wie lang das her ist…
    Gruß von Sonja

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