Vor drei Wochen – Tag 3: Malliß – Parchim

Warum heißt es eigentlich „bitterkalt“, nicht „zitterkalt“??? Fast friert mir in der Nacht die Nase ab. Ich krieche so tief in meinen Schlafsack, dass ich mich am Morgen selbst kaum finde. Später werden mich besorgte Wohnmobiltourende ansprechen: sie hätten sich gesorgt, ob meine Hütte denn beheizt gewesen sei. Sind anscheinend froh, mich lebend wiederzusehen:)

Nun, draußen scheint die Sonne, und ich jubiliere, meine Warmduschmarke noch nicht verbraucht zu haben. Drei Minuten, Schnellauftauprogramm. Im Campingplatzwaschraum ein olfaktorisches Déjàvu: dieser gemischte Zahnpastageruch, Kindheitsgefühle.

Auf dem kleinen Kocher entsteht mein Kaffee, ich lebe auf. Mein Geraffel hat sich über Nacht vervielfältigt und braucht zwei Stunden, bis es wieder in den Packtaschen verschwunden ist.
Abschied vom Kanal erst gegen 10 – dabei wollte ich auf dieser Tour früher dran sein. Es wird mir bis Berlin nicht gelingen … das ist dann eben so.

Den Tagesstart – ich wage es kaum zu sagen – fahre ich auf dem Radweg verkehrtherum. Wer nimmt schon von der Elbe zur Müritz die nordwestliche Richtung? (Nur der Radweg eben.) Als ich’s merke, kann ich nur noch über Landstraßen korrigieren. Weil Sonntag ist, bleibt das erträglich. Und als ich ihn dann habe, den Mecklenburger-Seen-Radweg mit seinem Herummäandere, kommt er sehr bequem daher. An jeder Ecke ein orangefarbenes Pfeilchen, keine Probleme mehr mit fitzelkleinen Karten und leeren Naviakkus.

Sehr verschlafener Landstrich hier. Mecklenburg, wie ich es aus der Kindheit kenne, gesteigert noch durch den Sonntag. Fast wünsche ich mir mehr Autos, um das vertraute Kopfsteinpflastergeräusch häufiger zu hören:) Ich selbst muss übrigens selten kopfsteinpflastern, denn an den Seiten ist meist ein 1-m-breiter Streifen asphaltiert. Der Radwanderer dankt.

Pause auf dem Dorfplatz – so still, wie sie hier wirkt. Die nichtdokumentierten Wegstücke sehen nicht anders aus. Leergewohnt, scheint es.

Erst in Ludwigslust, welches meine Erinnerung fälschlicherweise mit dem IFA W50 verknüpft (aber mit „Ludwigs…“ war da was), treffe ich auf Zivilisation. Und zwar mal wieder auf vergangenheitsgeschwängerte: eine Konsum-Kaufhalle! Sprich: Kónnsumm – Betonung auf der ersten Silbe. Bei meiner Oma kauften wir immer im Konnsumm ein und klebten ferienlang Konnsumm-Marken, dicke Hefte voll, so war das.

Einmal umgedreht, Blickrichtung gewechselt: Solch ein Blick. Zwei Orte auf einer Straße, das glaubt man kaum.

Und dann öffnet sich vor mir der Schlosspark. Angenehmer kann Mittagspause nicht sein.

Ich tanke optisches Grünbehagen, bevor Neustadt-Glewe dann eher prosaisch daherkommt und mit seiner Milchkaffeewartezeit von gefühlt 45 Minuten und seinem grauen Himmel über grauer Landschaft alles dafür tut, dass sich in mir Traurigkeits-Staubmäuse zusammenballen.

Heute fühle ich Gegenwind sogar dort, wo Windfähnchen lotrecht nach unten zeigen. Kinder-Vermiss-Tag. Letztes Jahr war ich immer mit einem von ihnen unterwegs. Wie gern hätte ich auf diesen einsamen Straßen jetzt jemanden an meiner Seite, der Worträtsel oder Fantasiegeschichten mit mir spielen möchte. (Wie war ich letztes Jahr genervt angestrengt davon …)

Auf dem Müritz-Elde-Kanal (??? das D ist korrekt, aber der Kanalname?) schleicht ein Bootchen unter mir durch. Seine Insassen fläzen sich an Deck. Warum eigentlich lasse ich mich nicht strickend durch Mecklenburg schippern? Ernsthafte Frage an mich selbst. Mentales Schwächeln.

Aber der Mensch braucht vielleicht einfach nur Sonne, ein Fünkchen Licht. Sobald das Grün gegen Abend ein wenig heller leuchtet, klart es sich auch in mir auf. Hier, an diesem lichten Kanal hätte ich bleiben sollen, stelle ich im Nachhinein fest. Hier war ein Zeltplatz, hier war es gut.

Während ich in Parchim am Straßenrand hocke und mir die Finger wund telefoniere. Die Jugendbegegnungsstätte hat den ganzen Tag nicht zurückgerufen, das Sportlermotel hat sich in Luft aufgelöst, bei den Ferienwohnungen geht niemand ans Telefon, und der Gasthof ist „heute geschlossen“ (wie kann ein Gasthof = Hotel „heute geschlossen“ sein?). Bis zum nächsten Campingplatz sind’s 20 km, einfach so das Zelt irgendwo aufzuschlagen traue ich mich nicht. Eine einzige Telefonnummer bleibt auf meiner Liste …

… und die haben noch genau ein Zimmer. Puh. Sogar mit Ausgang zur Frischluft und nicht die Reisekasse ruinierend. Parchim, das hast du ja gerade nochmal hinbekommen.

Den Abend verschlendere ich in den Gassen. Der Rest vom Fest. Die abbauschuftenden Schausteller (als ob sie morgen schon woanders sein wollten?), ein paar müllsammelnde Bedürftigmenschen, und ich. Gespenstisch. Selbst in der Kneipe, die mir ein Abendessen kocht, bin ich die einzige Gästin. Ich gehe dann wohl lieber ins Bett.

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