Vor drei Wochen – Tag 1: Hamburg – Lüneburg

Ein Novum dieser Radreise: Das Internet ist nicht dabei, technikminimiert sollen Kladde und Stift für alles herhalten, was sich so schreiben will. Das ist viel, was herausquillt, sobald der Weg mich hat.
Und nun sitze ich vor meinem Gekritzel und versuche einen Extrakt hierher zu ziehen, drei Wochen zeitverzögert. Hm. Ich glaube, Technik und Flatrate wandern lieber gleich mal in die Packtaschen für die Sommertour, ich brauche das offenbar.

Vor dem Start: Unsere Tage in Hamburg. Wir sind dort und nicht dort, gleichzeitig. Ausgesucht haben wir uns dieses Reiseziel ja nicht, die Musik hat uns hingeführt. Und steht im Vordergrund dieser Tage, für den Sohn und seine Partnerin, und für die mitgereisten Lehrer. Wir als Familien müssen sehen, wo wir bleiben, wir versuchen das Beste draus zu machen. Es gelingt so mäßig.

Schon am ersten Tag machen die Kinder mental schlapp, als wir unser per Rad durch die Stadt schlängeln, in der übervollen S-Bahn geschubst und beim Umsteigentreppengeschleppe umgerannt werden – da schon finden sie diese Stadt viel zu anstrengend. Meine Dorfkinder. Als Fotoobjekt aber darf sie herhalten, die Großstadt.

Selbst das viele Wasser lässt die Kinder kalt. Wobei kalt hier wörtlich zu verstehen ist: Es fühlt sich an wie März. (Allen Beteuerungen der Ferienwohnungsvermieterin zum Trotz, dass das Schietwetter des Nordens nur ein Gerücht sei. Dass das Wetter hier eigentlich immer besser sei als in Süddeutschland. Wir lächeln milde und sagen nichts.) Die Kinder jedenfalls frieren, und mir war auch schon wärmer. Dennoch ertrotze ich mir eine Hafenrundfahrt. Nach drei Stationen geben wir auf. Damit wir nicht am Ende eingefrorene Nasen wiederbeleben müssen.

Jedenfalls: Es wird nicht meine Lieblingsstadt. Muss ja nicht. In den Toiletten- und Fischbrötchenschlangen an den Landungsbrücken drängeln sich auch ohne mich genug Begierigtouristen.

Vielleicht haben wir ja nur keine Gelegenheit, die richtigen Ecken kennenzulernen. Vielleicht wäre mit mehr Zeit, ohne das Korsett des Wettbewerbs alles viel erfrischender gewesen. Vielleicht komme ich doch noch einmal her. Wenigstens um zu schauen, was aus der neuerstehenden Hafencity geworden ist.

Und um zu erfahren, wie die von innen aussieht. (Wo ist da überhaupt der Konzertsaal? Und was füllt den restlichen Raum hinter den vielen Fenstern?)

Und um flanierend zu erleben, wie Perspektiven wandern und mein Bild umgestalten können.

***

Nach 6 Tagen jedenfalls darf ich abfahren, das Rad ruft laut. Und die Freunde in Lüneburg. Von der Ferienwohnung in Bergedorf bin ich nach ein paar Radumdrehungen in einem Gebiet, das wohl „Vierlanden“ heißt und ein bisschen wie Oderbruch riecht. Gut also. Felder und Wiesen. Stille. Weite. Hach, ein einziges Hach. Vor lauter Hach verliere ich meinen Radweg und lande schwupps auf der Landstraße. Nicht schön, nicht mal hier in Idylls Mitte.
Schnellstmöglich und querfeldein schlängele ich mich wieder weg davon. Als ich gerade aufatmen will, kreuze ich den Elberadweg. Verkehrsaufkommen wie auf der Landstraße, echt jetzt. Ich bin wohl eher der kleine-Radwege-Typ.

Dann die Elbe. Ein gewaltiger Wasserstrom vor mir.

Wasserströme leider in diesem Moment auch über und auf mir. Fähren sind ja gern unüberdacht. Wenigstens kann man sich mit dem Gesicht vom Regen wegdrehen.

Am anderen Ufer setze ich mich in ein Wartehäuschen und schaue eine Stunde lang ins Regengrau. Und auf die unermüdlich pendelnde Fähre. Hat was Meditatives.

Als das Wasser ein Einsehen mit mir hat – wenn wir auch von Sonnenschein weit entfernt sind – verlasse ich bestgelaunt mein Unterstelldach und folge der Ilmenau. (Ja: DIE Ilmenau. Ist ein Fluss und hat mit Thüringen nichts zu tun.) Wie toll die sich durch das Grün windet. Es begeistert sich alles in mir, ich fliege und schwebe und merke, dass ich allmählich auf der Straße ankomme. Gut. Nur hin und wieder springt mein Kopf zurück zu der unguten Kommunikation, zu dem schwierigen Miteinander unserer Hamburgtage. Mich vollends davon freizutreten, wird mir erst 3-4 Tage später gelingen.

Ein Café wäre jetzt nicht schlecht. Aber das kennen wir schon: Wenn ich sie ersehne, kommt keine Gastronomie vorbeigeflogen. Ich habe offenbar noch immer nicht gelernt, an den richtigen Orten und zum richtigen Zeitpunkt zu wünschen. Heute müssen Wasser und Müsliriegel reichen.

Apropos Wasser: Ein bisschen viel davon von oben. Irgendwann finde ich mich wieder in einem Unterstand, lesend, schreibend, wartend.

Die Lüneburger aber warten auch. Also beschließe ich Augen-zu-und-durch, hülle mich in meinen Ganzkörperregenschutz und trete los. Noch 20 km. Nach 5 km fallen mir meine nassen Füße auf. Nach weiteren 5 km fällt mir ein, dass ich die Galoschen besser unter statt über die Regenhose ziehen sollte. Die Freundin wird sich später lustig machen über eine, die die abstraktesten Studienfächer mit Auszeichnung absolviert, aber an der Wasserablaufrichtung einer Regenhose scheitert. Sie sagt, sie hat mich trotzdem lieb. (Ich sie auch:))

Jedenfalls: Ich arbeite mich mühsam voran. Trotzdem tut mir all das gut, all das Nass, das Kalt, der Schlamm, der Wind, die Pfützen. Huch, warum? Ich wundere mich selbst, wie glücklich ich mich auf dieser Regenfahrt fühle.

Als ich meine, auf dem Navi nur noch 4,5 km abzulesen (gar nicht so einfach: betropftes Navi, beschlagene Brille, düstere Wolken und meine beginnende Altersweitsichtigkeit), rufe ich die Freunde an. Das Patenkind strahlt mich durchs Telefon an: Sie essen gerade Quarkbällchen. Und im Nachsatz: „Gerade habe ich mir das Letzte in den Mund gesteckt.“ Strolch. Gemein. Mein knurrender Magen schluchzt ein bisschen. Und treibt dann die Beine umso heftiger an.

Leider werden aus den 4,5 km noch 7. Oder 9. Wer weiß das schon. Das Display wird immer unlesbarer, je unwettriger es wird, und nach dem Weg zu fragen, gelingt auch nicht. Da ist niemand auf den Straßen. Alle haben sich in ihre Höhlen verkrochen, bei diesem viel-besseren-als-im-Süden-Wetter. Irgendwann finde ich einen bekannten Punkt in der Stadt, hangele mich optisch von Laterne zu Laterne und – tata! – stehe vor dem vertrauten Türschild.

Die Freundesfamilie streift mir trockene Kleidung über, schleppt mein volles Rad in den Keller, wartet doch noch mit Kuchen auf und nimmt mich in den Arm. (Ich glaube, die Reihenfolge war eine andere.)

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