Schreibelust

Soeben überkommt sie mich. Einfach so, aus dem Nichts. Ohne mir mitzuteilen, worüber dies Schreiben eigentlich gehen soll. Ich sitze also und warte. Welche Gedanken losfließen. Welche Bilder aus meinem Erlebenswirbel herausquellen. Welche Wörter sich dazu einstellen.

Zum Beispiel Sonnenflut. Durch die Fensterscheibe mitten hinein ins Gesicht. Ob im Auto oder im Klassenzimmer, überall grellt sie ins Auge. Wunderhelles Gefühl. Selbst die nun sichtbar schmutzig-streifigen Scheiben lassen lächeln.

Oder Pubertätsgekichere. Klassenräume voll davon. Sonne lässt junge Menschen noch mehr sprießen als ohnehin schon. Manchmal will ich gar nicht die Lehrerin sein. Müsste die doch jetzt zur Arbeit gemahnen. Statt dessen pfeift sich in mir ein Liedchen und der Gedanke (kann sich ein Gedanke pfeifen?), dass diese auch ohne mein FürRuheGesorge durch den Tag kommen werden. Durch den heutigen zumal.

In der Altstadt im Café sitzen. Wartend. Will ja nicht zu früh an der fremden Schule aufschlagen. Studentische Vorbeiradelscharen (früher auch ich hier, gegen die Einbahnstraße, klar), von denen kommt niemand hier herein. Erst ab Jungmütteralter kauft man beim Bäcker, verstaut Frischgekauftes in Kitabrotboxen und braucht, je älter, desto mehr Zeit zum Herauspfriemeln des Kleingeldes aus der Börse. Wunderbare Gelassenheit auf allen Seiten. Da kommt ein Wie-immer-Herr-Müller? und ein stummer Stockfischkunde. Ein paar Morgenmuffel, eigentlich die Mehrzahl, gelegentlich eingestreut die morgens schon Tänzelnden. Fürs Tasse-zur-Theke-Zurückbringen bekomme ich ein Danke. Das müsste mir zu Hause mal passieren.

Wie hieß das Wort doch gerade: tänzelnd. Barfußtänze nämlich. Andere mögen in meiner Bewegung einfach nur Laufen sehen. Innerlich fühlt sich das anders an. Sobald mein Fuß im Frühjahr den Latsch von innen nackt berühren darf, geht es mir schwebend. Und mit den bloßen Zehen Bilder auf Staubgartentische malen – hach!

Wäsche-und-kein-Ende-in-Sicht. Das Haus ist voll davon. Wie kann ein sooo großes Haus sooo voll davon sein. Bestimmt spielt die Wäsche mit mir Hase und Igel. Oder bietet sich mir als Meditationsobjekt dar. Falten, legen, stapeln, und dabei immer schön bei mir bleiben. Nicht abschweifen.
Tema con variazioni: Unausgepackte-Reisetaschen-und-kein-Ende-in-Sicht. Usw.
Aber Augen und Gedanken bleiben nicht, wo Wäsche und Taschen es gern wollen. Unwillkürlich geraten in den Blick:
Staubmäuse. Sockennirvana. Was nicht alles hinter dem Regal liegt. Vielleicht finde ich dort auch all die italienischen Wörter, die letzte Woche noch meinen Kopf belebten und nun weggepustet sind. Wieso sind Ärmel und Hosenbeine immer nach innen verkrumpelt. Wer schleppt eigentlich immer die vielen überflüssigen Sachen mit auf die Reise. Wer hat schon wieder den Schrank der Tochter nicht aufgeräumt. Und warum trägt die ganze Familie die gleichen schwarzen Socken. Sortiert man die nicht besser mit der Luxzahl von Flutlicht?
Apropos: Kommt da allmählich die Notwendigkeit einer neuen Gleitsichtbrille in Sicht? Wiederum kann man das Lesen mit halbhimmelwärts gerichtetem Kopf ja auch als Gymnastik auffassen, oder nicht? (Und: wer das jetzt nicht versteht, ist vermutlich noch zu jung.)

Tastentolpatsch. Familienintern wurde der Titel mir zugesprochen, unangefochten. Wobei, dies Kriechen in der Ungeschicklichkeit nährt akustische Erkenntnis. Nämlich dass, worüber ich zuvor hinweggefegt bin (hinwegzufegen vermochte!), Substanzielles enthält. Im Ton für Ton erst höre ich mir zu. Und entdecke. Und forme. Langsamkeit als Hörbarmachung.

Wiedersehenswoche. Von den „Kleinen“ schrieb ich schon. Die Kollegen haben nur den Montag als Anlauf gebraucht, um schon wieder im Vorferientempo dahinzugaloppieren. Ich ja mit ihnen. Und die Abiturienten sind in ihre Nachprüfungsdepression gefallen und reiben einem diese unter die Nase. Von den Erfahrungen der älteren Generation (wie das klingt …) – das sei normal, von Prüfungsfreude könne man eben nicht ein Leben lang zehren – wollen sie nichts hören.
Und dann Zufallsbegegnete an jeder Ecke. Den einen dreimal in zwei Tagen getroffen. In drei verschiedenen Schulen. Huch? Dann die aus ferner Vergangenheit. Auf dem Schulflur gegenseitig angelugt. Studienbekannte – das war sie bestimmt. Die Faltenschicht von zwanzig Jahren verhindert Soforterkennen. Mich selbst würde ich ja auch nicht als Ich benennen, hätte sich die Alterung über Nacht (dr)aufgetan. Dafür sieht der Kollege mit dem 50. Geburtstag jungbrunnengebadet aus. Der liebste  Chef der Welt sorgengegrämt und -gebeugt. Und dann gibt es noch die Alterslosen. Also: die, bei denen sich kein Gedanke auf irgendein Alter richtet. Nur auf das Sich-gegenseitig-Sehen, welches Tage reich machen kann.

Wiederkehrerleben. Heraus aus dem Zustand, die Tage immer nur wegarbeiten zu müssen, zurück in ein sich lebendig anfühlendes Sein. Zurück? Lange war ich nicht dort. Oder hier. Jedenfalls: Da. Ferien sind ja doch für etwas gut. Wenn diese Erkenntnis wenigstens im Nachhinein kommt.

Sicher war dieses Schreibegelüste jetzt unbewusst prokrastinierenden Ursprungs. Daher beende ich es abrupt und abrundungslos. Die gelben Mappen des Abiturs liegen Schlange und würden sich in quängelnder Ungeduld am liebsten gegenseitig überholen.

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