Ferienende

Gestern auf der Fähre schaute ich noch mit einer Mischung aus Befremdung und Bewunderung auf all die fleißigen Großfamilienmütter ringsum, welche in perfekt organisierten Abläufen mit ihrer Kinderschar Französischvokabeln und Lateintexte durchexerzierten.

Heute nun schlägt der Sohn selbst das Mathebuch auf, während wir traditionell in unserer Dorfkneipe das Ferienende begehen. Er offenbart, dass er übermorgen eine Arbeit schreibe. Auf seine Aufforderung – Frag mich mal was! – beginne ich in den Kratern seiner Erinnerungsreste zu stochern. Alsbald blaffen wir uns gegenseitig an. – Ich verstehe überhaupt nicht, was du von mir willst! – Hast du im Unterricht eigentlich auf deinen Ohren gesessen? – Solche Fragen kommen in unseren Arbeiten nie dran! – Oh, hast du ne Ahnung … (Wer ist denn hier die Mathelehrerin, denke ich leicht erbost.)

Ich kann das eben nicht so wie diese Fährenmütter. Wir sind uns einig, das Mathebuch jetzt lieber wieder zuzuschlagen. Morgen ist auch noch ein Tag.

Und heute sind Ferien, noch. Das Dorf duftet nach Frühling und strahlt so warm, wie wir es in ganz Sizilien nicht fanden. Der Garten schaut abendsonnenrötlich zu, als ich Kissen und Stühle wieder einsammle. Was für ein Sturm hier gewesen sein muss! Die Waschmaschine rumpelt sich durch die Wäschegebirge, der Rotstift ist leider nicht ausgetrocknet und nimmt sich lustlos der Aufgabe an, weiter in den Abituren herumzukritzeln, wo er vor der Abfahrt stehengeblieben war.
Das eine Kind plätschert singend und stundenlang im Duschwasser, das andere versucht am Klavier, weiße und schwarze Tasten zu sortieren, und keines von beiden gibt mir eine Antwort auf die Frage, was morgen in die Brotboxen hineinsolle.
Alles bestens also. Alltag, wir kommen.

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5 Kommentare

  1. Echt, solche Perfektmütter gab es zu sehen – oh nein, solche Fahrten gehören noch zum Urlaub- und überhaupt, welche Ängste müssen sie haben…
    Arme Kinder!
    Froh, dass ich so eine nie gewesen…

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  2. Naja, bevor meine Kinder so groß waren, habe ich selbst öfter mal Klassenarbeiten direkt nach den Ferien geschrieben. Nicht ahnend, was das für ein Kind und eine Familie bedeuten kann …
    Der Druck ist doch in weiten Teilen gesellschaftsgemacht, die Mütter und Familien tragen ihn nur aus. Wie ich selbst agieren würde, wenn meine Kinder die Schule nicht locker mit links händeln würden, weiß ich gar nicht.
    Jedenfalls gibt es andere Bereiche (außerhalb der Schulnoten), in denen ich mich unter Druck fühle – und ich vermute, diesen gebe ich auch an die Kinder weiter, so sehr ich das zu vermeiden suche.
    Es wäre also spannend zu hören, welches Bild wir als Familie auf dieser langen Fährfahrt abgegeben haben, was andere an mir und uns so alles beobachtet haben:)

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