Ein Freitag

Irgendwann fand ich in irgendeinem anderen Blog: Wie läuft mein ganz alltäglicher Tag ab?
Ich las mich fest in dieser und jener fremden Tagesschilderung. Und fragte mich, wie eine solche Auflistung bei mir aussehen würde. — Gestern nun bin ich mit Stift und Notizblock durch meinen Tag gezogen.
(Vorsicht: lang! Ich ahnte vorher nicht wie …)

5.55 Weckerklingeln. Etwas zu früh – ich liebe es nicht hetzen zu müssen. Bin ich wach, lese ich ein wenig, oder sitze einfach nur da, habe eine kurze Für-mich-Zeit. Im Moment bin ich zu müde, schalte den Wecker ein paarmal auf Snooze, froh, dass ich noch weiterdösen darf.
6.20 dann aber aufstehen, Kaffee holen (Zeitschaltuhr-Segen:)), ein paar Barfußschritte auf der Terrasse, kalte Winterluft spüren, Tisch decken. Und plötzlichahnend zusammenzucken … das ist doch bestimmt schiefgegangen: Ja, richtig geahnt :( – die Haare der schlafenden Tochter triefen fettig (gestern Läuseinfo aus der Grundschule, prompt bei ihr auch wieder Nissen – wie das???, also Nyda drauf, anschließend habe ich sie ganz allein mit Shampoo waschen lassen und nicht dran gedacht, dass sie das so flüchtig macht, dass es nicht reicht zum Fettauswaschen). Ich werfe sie aus dem Bett: Schnell schnell, nochmal Haare waschen – eigentlich bin ich bei meinen Kindern optisch anspruchsarm, aber sooo kann sie nicht in die Schule. Sie springt verstehend auf, flitzt unter die Dusche, ich schäume heftig (nur Shampoo:)), ziehe mich nebenher an, wecke rufend den Sohn, rubble sie trocken, hektisches Essen und Brotdosenpacken, nebenher hält immer eine von uns den Fön in die tropfnassen Haare – Zähne, Schuhe, Ranzen … puh … 7.15 alle im Auto. Stolz auf mich, dass ich nicht laut geworden bin. Und die Kinder waren toll:)

7.30 Schulparkplatz, alle drei in bester Laune: Tschüß, bis nachher, schon sind die Kinder weg.
Heute mal nichts mehr zu kopieren, entspannt ins Lehrerzimmer, nen Tee kochen und sogar dran schlürfen (Luxus!), nebenher sortieren: die Sachen für die erste Stunde in die Tasche, den Rest aufs Tischchen, Tablet hochfahren, Klassenbuch holen, Blick aufs Schwarze Brett und auf meine Vorbereitung: Wie starte ich jetzt gleich die Stunde?, mit der Kollegin Wandertagstermin abklären (oder eben nicht: Ich mail dir am Wochenende.), auf der großen Liste einen Klassenarbeitstermin umtragen, plötzlich fällt mir’s wieder ein: Oh doch, ich hab ja das Arbeitsblatt verändert, zum Glück keine Schlange am Kopierer. Und zum Glück tut er, was er soll, der Kopierer.

7.40 Es klingelt zum Reinkommen, eine Traube 8er kommt zum Protokollabgeben vors Lehrerzimmer gestürmt: Doch nicht jetzt, ich muss zum Unterricht (sie offenbar nicht?) – Ok, gebt schon her (ist ja Deadline), sie kramen gemächlich in ihren Taschen. Ich drücke einem vorbeieilenden 6er den Klassenzimmerschlüssel in die Hand, damit sie schon in den Raum können, die 8er suchen immer noch: Macht schon hin, sonst bin ich weg (sie schauen flehend) – es klingelt zum Unterricht – Also zack zack jetzt. Der Flur ist lang …

7.47 Mist, ich bin zu spät (das wird ein wiederkehrendes Thema …), sind aber erst zehn Schüler da. Upps, da ist wohl der Zug … naja … um 7.52 kommt dann der Rest. Auch die, die jetzt eigentlich im Chor sein sollten wegen der Gute-Laune-Aktion … – Ähm, was macht ihr denn hier? – Wir wollten keine ganze Mathestunde versäumen. – Doch doch, das bekommt ihr schon hin, kommt halt um neun Uhr zurück, dann besprechen wir noch das Wichtigste. Ab mit euch.
7.55 endlich Anfang, Hausaufgabenvergleich, die Schüler erklären sie sich gegenseitig, ich lausche, es ist eine Freude: Komma unter Komma, ganz einfach. – Aber wohin kommt dann die 6, die hat doch kein Komma??? Ich greife das nochmal im Klassengespräch auf. Und taste mich fragend durchs Thema: Wo ist Unklares geblieben? Stelle ein paar Denkfragen rund um die Regeln. Es läuft, es sitzt, es geht gut heute.
8.08 „Forschungshefte“ austeilen, in Gruppen die ersten Erkenntnisse zum neuen Thema abgleichen, ich freue mich wie ein kleines Kind über jeden emphatischen Achso-Ausruf. Als ich dann auch noch meinen neuen orangefarbenen Folienstift ins Spiel bringen kann, um den „Nachdenkstand“ an einem besonders sonnigen Beispiel zu skizzieren, ist meine Lehrerfreude perfekt:) So kann ich sie beruhigt in die weitere Denkarbeit entlassen.
8.21 also Schreibphase: sie zeichnen, grübeln, probieren aus, versuchen sich an Regelformulierungen. Sichtbarer Trainingseffekt der letzten Monate: inzwischen machen sie das großartig, trauen sich, Eigenes niederzuschreiben, sind konzentriert – ich könnte ihnen stundenlang zuschauen. Habe leider nebenher zu tun. Entschuldigungen abhaken, Klassenbucheintrag, Material für fehlende Schüler in Hüllen stecken, Notizen über offene Fragen eintippen, Tafelbild vorbereiten.
8.29 klopft es: der Gute-Laune-AK mit Gitarre, Chor und Süßigkeiten. Naja, die können ja nicht ahnen, dass sie mitten in unsere schöne Schreibruhe hineinplatzen. Singen, Malen, Raten, und dann gibt es Schoki für alle. Nur nicht für mich, ich ziehe eine Schnute (ich weiß ja: später im Lehrerzimmer wird in unseren Fächern auch was liegen.) Im Moment grinst Silas erstmal: Vielleicht waren die Lehrer ja nicht brav genug? Fünf andere Schüler strecken mir ihren Riegel hin: Nein nein, so habe ich meine Schnute nicht gemeint:)
8.37 der Versuch, in die vorherige Konzentration zurückzukehren, was natürlich nicht funktioniert. Zu viel Aufregung. Ohnehin sind Helen und Robert schon fertig, flüstern mir ihre Regel ins Ohr (bingo – während andere gerade noch ihr Blatt einkleben: so ist das ja immer). Schnell den beiden eine Zusatzdenkaufgabe geben, Arbeitsende für alle ankündigen, ach so: die Zeit nutzen, um Klassenarbeitshefte und „Problem des Monats“ einzusammeln.
8.46 besprechen wir an der Tafel, wie das Addieren von Brüchen denn nun geht. Wunderbar: auch die Stillen können erklären, was sie herausgefunden haben, erste Rechnungen klappen. Eintragen ins Merkheft, eigene Beispiele dazu, immer mit Zeichnung. Ich schreibe ein geeignetes Hausaufgabenpotpourri an die Tafel: Fangt schon an damit. (Was ich sonst nie mache, aber heute kommen ja noch die Chorkinder zurück, die gleich eine Extrakurzversion der Stunde brauchen.)
9.05 sitze ich mit denen also zusammen: Bruchaddition im Schnelldurchlauf, die wichtigsten gedanklichen Schritte, wo können sie Hilfe bekommen, falls etwas unklar ist. Sorgenfalten vor allem auf Karas Stirn, beruhigende Worte: Ich weiß, dass du das hinbekommst.
9.15 Klingeln, die anderen packen ein, wir am Schnelldurchlaufstisch sind noch nicht ganz fertig. Aus dem Augenwinkel sehe ich den Ordnungsdienst entfleuchen, pfeife ihn zurück, vorher schnell noch ein Foto vom Tafelbild gemacht, mit den Chorkindern alles Restliche abklären, sie zum Sport losschicken, mein Geraffel zusammenpacken.
9.19 Raum verlassen, der Flur ist wiederum lang. In Gedanken noch in der Klasse: warum Sarah schon so lange fehlt, und dass Huberts Eltern wohl die richtige Entscheidung getroffen  haben, warum Hendrik immer so auftrumpfen muss, und wie Verena, Hella und Piet in letzter Zeit aus sich herausgehen.

Zwischenstation Lehrerzimmer. Umpacken, kurzer Gruß nach rechts und links. Wie lange ich manche Kollegen nicht richtig gesehen habe. Aber jetzt erstmal: Klo oder nicht Klo? Ich muss ins Außengebäude und werde zu spät kommen. Trotzdem. Zumal dort keine Toilette ist. Also schnell.

9.25 Klingeln, und ich eile gerade erst die Treppe runter. Unten treffe ich den Differenzierungskollegen – er sei heute in 012, sagt er mir. Hä – ich dachte, du bist heute nicht da? Ich hab das jetzt gar nicht vorbereitet. Oh je, wie machen wir denn jetzt, damit’s sinnvoll wird? *grübel* Am besten, du kommst nachher rüber und holst dir die Schüler ab, bis dahin habe ich mir überlegt, was du mit denen machst. – Mist, er hatte doch wirklich gesagt … Aber die Differenzierungsstunde (eine Stunde von vier wöchentlich sind wir zu zweit in der Klasse) soll nicht einfach so verpuffen. *grübel grübel – wie konzipiere ich jetzt um?* Zum Glück ist der Weg ins Außengebäude weit, und als ich ankomme, habe ich die Stunde im Kopf umgebaut.
Die Schüler stehen natürlich noch vor der Tür, ich dämme den immerwährenden Mitteilungsdrang der 9er etwas schneller als sonst ein und fühle mich selbst ganz gehetzt, als ich – die Uhr vor Augen: in 35 Minuten kommt der Kollege – „Potenzgleichungen“ an die Tafel schreibe.
Zunächst mal Lücken Lücken Lücken, so ist das in Mathe Klasse 9. Hier mal schnell Potenzfunktionen wiederholt, dort das ewige Alles-auf-eine-Seite-bringen, Minus-mal-minus-ist-plus, Warum-ist-die-Parabel-nach-oben-geöffnet und Ja-die-p-q-Formel-musst-du-auswendig-kennen. Kunstturnen mit Dauerspagat zwischen Anspruch und Umfang des Bildungsplans und dem, was die Schüler leisten können. Ja, können. Diese hier wollen nämlich. Sie wollen so richtig. Ich fühle mich durch die Klasse reich beschenkt. Sie engagieren sich, fragen, haken nach, arbeiten selbstständig, sind einsichtig und emsig. Dass es das heutzutage noch gibt, möchte man fast sagen. Und trotzdem ist da eine Kluft. Wir rattern durch die Themen und Fragen, sie verblüffen mich heute mit ihrer Mitarbeit (aha, die Einzelgespräche zeigen Wirkung *freu*), sie sind sooo schnell und kommen mit mir zusammen außer Atem …
10.05 haben wir’s geschafft: eine Übersicht ist erstellt, warum es mal zwei, mal eine, mal keine Lösung gibt, wie man’s erkennt, wie man umstellt, wie man’s löst. Ein erster Überblick scheint vorhanden.
10.10 kommt der Differenzierungskollege, wir scrollen in meinen Vorbereitungen, überlegen schnell, wie wir in der knappen Dreiviertelstunde jetzt am besten vorgehen, wie weit wir kommen können, welche Übungen dann Hausaufgabe sind. Er fotografiert sich mein Tablet ab und rennt seiner Gruppe hinterher ins Haupthaus.
10.18 sind nur noch 15 Schüler im Raum, es wird ruhig, fast intim. Platz und Zeit, sich bei jedem mal danebenzusetzen. Sie brauchen jetzt Zeit, die Hetze der ersten Stundenhälfte setzen zu lassen. Dafür klappt es ganz gut. Viele Aufgaben, unterschiedlich schwierig. Manche bräuchten eine Eins-zu-Eins-Betreuung. (Ja, 15 ist immer noch viel, denke ich, während ich von Platz zu Platz hopse.) Zwischendurch trage ich ins Klassenbuch ein, notiere in meinen Aufzeichnungen, wie ich heute abgeändert vorgegangen bin, was in die nächste Stunde verschoben ist …
10.42 klopft der Chef, upps? Die Mutter von Stina sei da. Schreck – hoffentlich nichts Schlimmes? Nein nein, Stina habe nur einen Kliniktermin vergessen. Ich plaudere kurz mit der Mutter, wie sich die Tochter denn so mache, klar, ich kann verstehen, dass sie die Gesprächsgelegenheit nutzt, Stina packt derweil ihre Sachen zusammen – Schönes Wochenende! – und ist weg.
10.50 Welche Fragen sind offengeblieben? Viele, immer noch. Zwei Beispiele nochmal gemeinsam an der Tafel, diese Umformungen sind aber wirklich tückisch, finde ich ja selbst. Ich versuche sie zu beruhigen: Fehler sind nicht schlimm. Rechnet zu Hause, so weit ihr kommt. Bringt eure Fragen mit in die nächste Stunde.
10.57 Die andere Gruppe kommt zurück. Wie weit seid ihr gekommen? – Es passt zu unserem. Ab mit euch in die Pause. Nur mit Lara, Saskia und Kathi will ich noch kurz sprechen: dass ich sie heute erstmals im Unterricht wahrnehmen konnte, und wie toll ich das finde. Und mit Doreen: Wie beeindruckt ich bin, dass sie sich nicht entmutigen lässt. Wirklich.
11.03 kommt die Aufsicht, fast schließt sie mich ein. Ich sitze nur still am Tischlein und mache noch meine Notizen. Es ist meine 6er-Parallelkollegin, also schnell mal die Gelegenheit nutzen, dass wir uns sehen: Wie weit bist du bei den 6ern? Wie ist deine Arbeit ausgefallen?
11.07 Der lange Weg ins Haupthaus.Ich komme an, als es schon wieder zum Reingehen klingelt. Blöd, muss ich mitten im Geschubse die Treppe hoch.

Zwischenstation Lehrerzimmer. Wieder umpacken. Aus Versehen fahre ich mein Tablet runter. Gleich darauf wieder hoch. Mit Passwortvertipper, natürlich. Der 12er Parallelkollege fragt was wegen der nächsten Klausur. Stimmt, noch fünf Doppelstunden bis dahin, wir sollten uns langsam absprechen (Lass uns am Wochenende mailen.) Eine andere Mathekollegin sitzt am Tisch, schüttelt den Kopf über ihre Unterrichtssituation: Was würdest du denn machen? Kurzaustausch, nur ein paar Sätze, über Ideen, so zwischen Tür und Angel, manchmal hilft das schon. Es tut uns in dem Moment beiden gut. Auch wenn wir schon wieder zu spät kommen.
Ich nehme die restlichen 8er-Protokolle aus meinem Fach, damit ich sie nachher nicht vergesse, bemerke meinen Durst und dass die Wasserflasche in der Tasche leer ist. Auffüllen muss jetzt noch sein, auch wenn es schon wieder klingelt.

11.17 Einen Stock nach oben, der Flur ist lang. Ich bin zu spät. Eine Schülerin auch. Wir können uns gegenseitig verstehen:) und plaudern auf dem Weg zum Raum. Der 12er-Kurs ist wie immer freitags müde, ich hebele ziemlich herum, um die Grundgedanken der letzten Stunde – Hessesche Normalenform – nochmals klar herauszustellen. Im Grunde ist ihnen vieles klar, es ist nur eben Freitag letzte Stunde. Ein paar Unklarheitspünktchen sind geblieben, ich denke mir schnell zwei „Klarheitsbeschaffungsübungen“ aus und lasse sie miteinander die Hausaufgaben besprechen.
11.42 Wir sind soweit, die letzten verbleibenden Abstandssituationen anzugehen – das Anschauungsmaterial habe ich natürlich komplett in meinem Fach im Lehrerzimmer vergessen. Naja, ich habe hier Besen, Klapptafeln, Buchdeckel, Stifte, Finger und Arme – geht doch. Von letzteren leider nur zwei, daher komme ich beim Veranschaulichen irgendwann an meine Grenzen (sieht wahrscheinlich eh schon abizeitungsbeschreibungswürdig aus, wie ich da herumfuchtele). Aber ohnehin sollen die’s jetzt selbst erarbeiten.
12.02 darf ich mich hinsetzen. Wie gut ein Stuhl tut, ein einfacher Stuhl. Unterschreibe Entschuldigungsformulare, fülle das Kursheft aus, überlege, welche Gruppen ich nachher ihre Ergebnisse vorstellen lasse, schaue denen also zwischendurch über die Schulter, finde tolle Lösungswege vor und probiere schonmal aus, ob der Projektor funktioniert, das weiß man schließlich nie. Zwischendurch lausche ich den Diskussionen: dass man doch eigentlich auch Extremwerte bestimmen könnte, wenn beide Punkte auf beiden Geraden wandern. Ja, recht haben sie. Funktionen von zwei Variablen. Haben wir in der Schule leider nicht – „leider“ nur für diesen Kurs bzw. diese Schüler, die hier gerade ganz eigene gedankliche Wege gehen.
12.18 Arbeitsende, weil nun in allen Gruppen der Ideenpool erschöpft zu sein scheint. Benjamin und Willo erklären ihre Lösung, sie erfinden noch die Faust zur Veranschaulichung von Punkten:) und geben überhaupt alles. Der Kurs ist begeistert, es gibt Szenenapplaus, ich bin beeindruckt.
12.30 Weil das heute nicht mehr zu toppen ist, und weil die Denkgeschwindigeit am Freitagmittag ohnehin schon reduziert ist, plane ich schnell um und lasse ein paar neue Aspekte für kommenden Mittwoch übrig. Die Schüler sind nicht undankbar, vor allem diejenigen, die noch nicht dranwaren. Dafür lasse ich sie heute noch eine erste „echte“ Abituraufgabe lösen. Wie immer leicht unsinnig eingekleidet: Schatten von Laternenstäben auf Zelte und Abstände von Zeltstangen und Lampenschnüren – wann im Leben wird man sowas jemals berechnen??? (Die Pseudoanwendungsaufgaben im Mathematikunterricht, das wäre ein eigenes Thema …)
12.42 Ich lese die Schattenwurflänge vor, höre einige Juchzer, schreibe Hausaufgaben an und wünsche schönes Wochenende. Benjamin und Willo bekommen noch eine differenziertere Rückmeldung und strahlen. Karsten fragt, ob ich bemerke, dass er sich jetzt mehr bemühe – klar tue ich das! Und Muriel wischt wie immer die Tafel.

12.47 Ruhe. Sitzen. Trinken.
Ich räume mein Zeugs auf, mache mir Notizen zu allen Schülern, die mir heute im Laufe des Tages aufgefallen sind, in allen drei Klassen. Mündliche Noten sind ja irgendwie keine Bauchnoten. Und am Nachmittag habe ich das Wichtigste vielleicht schon wieder vergessen. Zumal: nach diesem Nachmittag. Außerdem tippe ich in meine Vorbereitungsdokumente gleich noch ein, wie ich in der nächsten Stunde weitermachen werde. Das weiß ich jetzt viel besser als in ein paar Tagen. Von außen wirke ich in dem Moment wohl wie: einsame Lehrerin, schlaff über Tisch hängend, in verlassenem Lehrerzimmer auf verlassenem Schulflur …
13.02 Ich breche Richtung Lehrerzimmer auf. Aus den anderen Klassenzimmern kommen auch noch Kollegen gekrochen. Keiner sagt mehr was. Es reicht für den Moment mit Reden.
Vor dem Lehrerzimmer sitzt schon Kind 1. Es wird ein Weilchen warten müssen. Kind 2 fehlt noch, und ich habe meinen restlichen Kruscht zu erledigen. Packe ein, was mitgeht, und aus, was hierbleibt (und entdecke zu Hause dann doch, dass ich einen dicken Ordner zuviel mitgeschleppt habe). Der Differenzierungskollege ist jetzt da, wir tauschen aus, was wir in unserer Parallelstunde gemacht haben. Mein Lieblingskollege weint über seinen 11er-Kurs: Was er mit den Null-Punkte-Schülern machen solle? Kurzer Ideenaustausch. Teetasse in die Spülmaschine, Mitteilungsfach leerräumen – die Blätter wachsen von allein nach:( – ich überfliege alles und sortiere: Tasche, Tisch, zurück ins Fach. Der Wer-kommt-mit-Pizza-essen-Ruf erschallt. In anderthalb Stunden ist Elternsprechtag. Die meisten Kollegen bleiben hier. Beneidenswert, denke ich. Mittagspause haben, das wär’s jetzt …

Draußen warten die Kinder, wir schlurfen zum Auto. (Nein, stimmt nicht: Die Kinder hüpfen. Auch das noch. Jetzt bitte keine Aktivität mehr von mir erwarten.)
13.20 Abfahrt. 13.35 Zu Hause. Der Papa hat für uns alle Pizza auf den Tisch gestellt, ohne die würde ich heute nicht … nein, jetzt kein Selbstmitleid, bitte. Solch ein Glück, für den Moment einfach nur zu sitzen und zu essen. Die Kinder reden über lineare Funktionen und über das Zählen von Buchstaben in Deutsch – hä? Wenn ich nachfrage, erzählen sie mir nie was?! Zum Glück erwartet niemand einen Redebeitrag von mir.

14.00 Ich kann entscheiden: Kurz wegnicken oder Kaffee? Ich wähle ersteres, kippe aufs Sofa und bin zu schlapp mir einen Wecker zu stellen, also habe ich Sorge einzuschlafen und raffe mich nach zehn (gefühlt zwei) Minuten wieder auf.
14.15 rufe ich durchs Haus, dass wir in fünf Minuten fahren müssen. Die Kinder packen ihre Sachen, Cello, Noten, Bücher, Handys, Fahrkarte.
14.20 sitzen wir im Auto, ab in den Musikschulnachmittag, 14.35 lasse ich sie aus dem Auto. Heute müssen sie allein dableiben: Ich lasse mein Handy eingeschaltet, du fährst mit dem 15.47-Zug – hast du einen Schlüssel? – und dich holt der Papa um fünf ab. Und ich düse zur Schule.
14.50 mit quietschenden Reifen einbiegen, natürlich kein Parkplatz frei, was kommen diese Eltern aber auch alle mit Auto …
15.00 ein besonderer Termin: ich als Mutter, das habe ich noch nie gemacht. Aber dieser eine muss sein. Ist mir so lieber als im Lehrerzimmer im Arbeitsalltag.

15.30 dann beginnen meine eigenen Termine. 15 eingeplante, sechs noch schnell dazwischengeschobene, das alles in drei Stunden. Gute Gespräche werden es, 21 mal in die Welt eines Schülers eintauchen, einvernehmlich. Ich hatte schon andere Elternsprechtage und bin ganz glücklich mit dem Verlauf des heutigen. Der Kaffee der SMV rettet mich immer wieder aus Zwischentiefs, und das Fenster muss ich, um ein Minimum an Konzentration zu bewahren, so weit geöffnet halten, dass alle Eltern in Jacken sitzen bleiben. Dafür sind die Worte warm, wenigstens.
Aber mehr erzählen mag ich davon jetzt nicht mehr. Auch noch heute fühle ich mich müde von diesem Tag.
(Apropos müde: Lese ich meine Vormittagsschilderung jetzt durch, verstehe ich endlich, warum ich nach der Schule immer müde bin. So richtig richtig müde. Elternsprechtag ist selten, aber dieser Vormittag, der ist ganz normaler Alltag. Es war noch nicht mal ein schwieriger Tag. Keine besonderen Vorkommnisse, keine Aufsicht, keine Physikexperimente in den Pausen aufgebaut, keine Schüleremotionsausbrüche, keine Tränen, keine prekären Situationen.)

Als ich gegen 19 Uhr das Schulhaus verlasse, weiß ich immerhin noch meinen Namen und wo ich das Auto geparkt habe. Den Autoschlüssel zu finden dauert dann etwas länger. Und dass man am Radioknopf kein Licht einschalten kann, das erschließt sich mir auch erst nach längerem Versuchen.
19.20 Ich bin zu Hause, die Kinder auch. Alles hat gut geklappt, sie warten aufs Abendessen. Nö, heute nicht ich, kann ich noch aus dem Sessel dahinhauchen. Sie haben Erbarmen mit mir und decken den Tisch. Nur die Sektflasche, die hole ich mir selbst aus dem Kühlschrank.
Waren es zwei Gläser, oder drei? Habe ich um acht schon geschlafen, oder erst um neun?
Der letzte Gedanke ist: Wochende, nur noch Wochenende.
Und: Noch eine Woche bis zu den Ferien …

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9 Kommentare

  1. Was bitte muss ich mir unter Managerakne vorstellen – bin ich in Gefahr:) ?

    Ja, die Fähigkeit zur Erholung binnen Sekunden und Minuten ist hier überlebensnotwendig …

    Ich habe ein Asus T100 mit Windows 8, gekauft als Lehrerangebot bei co.tec. Kugle mal nach „hardware in a box“.
    Drucken geht direkt, wenn unser Schul-WLAN nicht spinnt. Sonst aber auch ganz einfach via Stick und einem unserer normalen Lehrer-PCs.

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  2. Bei uns gibt es nur noch interaktive Tafeln, unterrichtet wird somit immer mit Laptop . Den eigenen darf man nicht anschließen, man führt sein Material quasi immer auf nem Stick mit sich.
    Völlig kreidelos, dadurch relativ sauber übrigens.

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  3. Wow, das haben hier im „reichen“ Süden höchstens die Privatschulen, an den öffentlichen geben die Gemeinden das Geld nicht aus. („Haben es nicht“ kann man ja wohl kaum sagen.)
    Daher fühle ich mich mit meiner kleinen privaten digitalen Revolution schon ganz fortschrittlich:) Es fühlt sich nach nur einem halben Jahr schon deutlich verändert, zettelloser, bequemer, also besser an.

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  4. Hm, nein, das funktioniert bei mir einfach so. Ich docke an, und gleich darauf wird die Tastatur erkannt. Das heißt, ich kann dann wahlweise beide Tastaturen benutzen.
    Manchmal klemmt der Eindockmechanismus, wenn meine Hülle dazwischenkommt, aber nach ein wenig Ruckeln geht es immer.

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