Farben der Trauer

Dunkel und hell.
Erinnerungswolken kommen geflogen. Weißt-du-noch-Geschichten. Und auch solche, die nur einer von uns kennt. „Die Oma hat doch immer …“ – „Neee, echt? Das weiß ich ja gar nicht …
Hier wird gelacht, hier wird geweint.
In Fotos wühlen wir. Und in inneren Bildern.
Warm-wohlige Kindheitserinnerungen. Wenn ich sie erzähle, bin ich plötzlich mittendrin.
Sie fehlt.
Langsamkeit. Betäubung, immer noch. Weit-weg-Gefühl, mal stärker, mal schwächer. Alles in Wellen.
Urwunsch: Sitzen-sinnen-schweigen.
Ja, schweigen. Tage voller Schweigenwollen – und Funktionierenmüssen.
Menschen, die sich sehr zuwenden. Wärme empfangen dürfen. Einen Brief lesen von ihren ehemaligen Schülerinnen, berührend. Mit Freunden einen Abend voller Lachen und Lebenslust erfahren, und zwischendurch minutenlang gemeinsam schweigend ihr Foto anschauen. Begegnungsgeschenke, die glücklich machen. (Und auch Menschen, die sich abwenden. Aber das tut nicht weh. Hilflosigkeit – ich wusste früher ja auch nicht.)
Premiere: Man sagt zu mir „Herzliches Beileid“. Ich lerne darauf zu reagieren. Ins Gespräch zu kommen. Gute Gespräche, sehr gute. Wie lieb ich sie habe …
Sie fehlt.
Die Kinder suchen ihren Weg. Der Sohn steckt die Traueranzeige ganz tief hinten ins Regal – „damit sie nie wegkommt und nie kaputtgeht„. Die Tochter zeigt ihre in der Schule überall herum. Und macht klare Ansagen: Welche Dinge sie von der Uroma als Erinnerung behalten möchte. Und welche Lieder gesungen werden sollen, auch welche Strophen, entscheidet sie.
Sie schlafen auf Omas Fernsehsessel, nun, da er hier steht. (Dass man drauf überhaupt die Nacht verbringen kann – selbst wenn man kurz ist?) Die Kinder kuscheln sich hinein. Und beturnen ihn tagsüber. Wir fürchten, dass er binnen 24 Stunden kaputtgeht, wenn sie so weitermachen:)
Aber ich darf doch heute zum Tischtennis. Das hätte die Uroma doch vielleicht auch gewollt …“ Na klar, so sonnenklar: Sie will uns hier leben sehen. So richtig ganz doll leben sehen. Mit allem was wir lieben und wollen und brauchen, mit allem was uns Freude macht … (sprachs zu ihren Kindern und hatte die Augen voller Tränen).
Sie fehlt.
Neue Familienkonstellation, neue Leerstelle in der Reihe. Nun bin ich nur noch Tochter und Mutter. Enkelin und Urenkelin nicht mehr. Großmutter und Urgroßmutter noch nicht. Symmetrisch irgendwie. Ein Sandwichplatz in der Mitte der Lebensreihe.
Reihenweise Lebensreisegedanken …
Sie fehlt.
Doppelte Leerzeichen, Zeilen- und Randabstände, Schriftartsuche – woher soll ich denn wissen, wie man eine Traueranzeige formatiert. Und wie so ein Liedblatt gestaltet sein soll. Das hat mir niemand beigebracht. Und verdammt, warum stellt sich diese Technik so quer – die mp3-Musik will nicht auf die CD, die Druckerpatronen sind leer, der Laptop stürzt ab. Alles sperrt sich dagegen, eine Trauerfeier vorbereiten zu müssen.
Ist ja schon gut, ich werd schon wieder ruhig.
Aber bitte mal ein Stopp für uns. Die Brille für den Sohn, die Blutwerte der Tochter, mein immer noch dicker Zeh liegen brach, Erkältungen seit einer Woche, keine Zeit sich zu kümmern. Soll das wohl so sein, dass wir hier halbblind, halbkrank, humpelnd durch unsere Tage gehen? Fingerzeige unserer Körper.
Zeit wollte ich, nur Zeit. Langsam werden, anhalten, stehenbleiben, bitte.
Sie fehlt.
Staffelstäbe.
Ihre Sanftmut bräuchte ich. Wenn etwas in mir hochpulsiert: was hätte sie jetzt getan, was hätte sie gesagt, wie hätte sie es getragen? Ich möchte in der Zeit zurückreisen und noch einmal neben ihr stehen. Dabei sein, wie sie so war wie sie war. Genau hinschauen. Aber vielleicht … habe ich ja genug gesehen. Bleibt als innerer Auftrag stehen, ihr Wesen weiter zu leben, irgendwie. Ob das geht? Ein weiter Weg, jedenfalls.
Und noch ein Staffelstab. Das Lebkuchenrezept ist wieder aufgetaucht. Omas legendäre Lebkuchen. Riesenkistenweise in Görlitz gebacken und zu uns nach Berlin geschickt. Von den Eltern in großen Tontöpfen im Schrank versteckt. Nicht gut genug versteckt – jeden Tag nach der Schule einen draus genascht – jetzt darf ich’s ja verraten:) Also: das Rezept ist wieder aufgetaucht. Dieses Jahr im Advent … ich freu mich drauf. Vermutlich werde ich ein paar Jahre üben, bis sie gelingen wie sie bei ihr waren.
Sie fehlt.
Die Strickjacke die ich trug, und das Tuch, in welches ich geweint habe, als ich vor zwei Wochen Abschied nahm, habe ich seither nicht abgelegt. Es ist warm darinnen. Na gut, die Strickjacke ist schon gewaschen zwischendurch. Aber das Tuch – mein Hals will in diesem Winter kein anderes. Ob und wann ich meine Tränen auswaschen werde …
Sie fehlt.

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