Tag 6: Naumburg – Jena

Mit Morgennebelbetrachtungen, Quartiersuchetelefonaten, Apotheken- und Drogerieeinkäufen, Fotografieren und Dombesuch geht der Vormittag rum, hoppla – es ist schon halb eins, und wir sind noch nicht mal auf dem Weg. Da wird plötzlich auch der eigentlich kurze Tag von 50 km zur leicht eiligen Angelegenheit. Außerdem ist Thüringen echt bergig – wahrscheinlich wurde hier das E-Bike erfunden? – und wir mühen uns redlich mit dem Auf und Ab. Warm ist es … und wir sind wohl auch müde. — Bei Ankunft in Jena sind wir so k.o. wie lange nicht, und durstig. So wollen uns nach einer Woche Leitungswasser auch mal was anderes in den Trinkflaschen gönnen und fallen in einen Getränkemarkt ein. Nun, in unserem Durst haben wir es wohl etwas übertrieben. Mit den Vorräten kommen wir noch bis Hessen:) — Nein, kein erschöpftes Jammern, jetzt am nächsten Morgen geht es schon wieder. Und zwar gleich auf den nächsten Aufstieg. So ein Navi mit Höhenprofil kann auch was Ernüchterndes haben. — Dafür haben wir beschlossen, hier durch Thüringen ein wenig zu „bummeln“. Kurztouren heute nur bis Weimar, morgen Erfurt. Bergig und sehenswert genug ist es ja. Und nach dem Wochenende gibt es auch wieder Übernachtungsbetten. — Hier in Jena war es ebenso schwierig etwas zu finden wie in Naumburg. Für etwas mehr Geld sind wir dann aber doch noch untergekommen, gleich neben der studentischen Kneipenmeile, die wir abends kulinarisch zu nutzen wissen. Und beim Einschlafen noch akustisch. — Das Saaletal entlang der Strecke wieder sehr sehenswert – wir durften es ja immer wieder von oben betrachten. Bei aller Anstrengung: das sind schon die schöneren Blicke. — Dicht vorbei an einem mir sehr bekannten Ortsnamen, ohne Wiedersehensbedürfnis allerdings. Hier verbrachte ich im Januar 1989 fünf paramilitärische Lagerwochen (wir waren also der letzte Jahrgang, den es traf). Schon die Ortsschilder versetzen mich in die depressive Stimmung von damals, in der wir wieder und wieder Gasmasken und Atomschutzanzüge nach Zeit anzogen und doch die Sollzeit nicht schafften (und daher noch abends bis zum Schlafengehen zu trainieren hatten – was aber auch schon egal war, weil wir den „Feierabend“ eh nur liegend und deprimiert auf unseren Feldbetten zubringen konnten). Einer der glücklichen Tage dieser Wochen: als mir eine Füllung rausfiel und ich Zahnweh bekam. Da durfte ich nämlich morgens statt Frühsport zum Lagerarzt, und der – das Loch war groß genug, dass ich nicht Simulantin geschimpft werden konnte wie so manch andere – gab mir einen Ausgangsschein. Mitten am Tag durfte ich damit ins freie Dorf spazieren, den Blick schweifen lassen, zum Zahnarzt gehen, in einem freien Wartezimmer sitzen … das Bohren (ohne Spritze, sowas gab es nicht) nahm ich dafür lächelnd in Kauf. Alle beneideten mich um diesen Extraausgang. In den fünf Wochen durften wir sonst nur fünfmal raus, glaube ich. — Ja, so war das damals. Ab und zu erzähle ich dem Sohn von damals, das ergibt sich hier auf der Reise an jeder Ecke. Manches kann ich ihm mit Worten nicht begreiflich machen. Diese Lagergeschichte zum Beispiel. – Wie gut, dass er aufwachsen darf, ohne von so etwas eine Vorstellung zu haben!

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Ein Kommentar

  1. Ich verschlinge förmlich jeden Buchstaben eurer Reisegeschichte und finde es einfach nur toll, dass ihr euch auf diesen langen Weg gemacht habt. Die bergigen Strecken wären mir ja ein echter Graus – da würde wohl meine 8er Nabe doch streiken, nein, besser, ICH würde streiken. – Und das alles auf einer Handytastatur zu tippen, verlangt mir fast die meiste Achtung ab!
    Weiter so und pannenfrei bis nach Haus!

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