So also: Ferien

Zuerst war da die Ferienreife.
Viele Wochen schon, mit vielfältiger Symptomatik.
Zum Beispiel diese planerische Glanzleistung:.

(Für die, die schon länger aus der Schule raus sind: Zeugnisausgabe ist immer am letzten Tag vor den Sommerferien. Danach  endet schlagartig aller Unterricht. Auch in der 8b.)

Oder die Szene, wie wir da unsere Köpfe in den Kaffeeautomaten der Musikschule stecken, weil mir vor dem Knopfdruck für den Sohneskakao entgangen war, dass mein eigener Kaffee ja noch in der Ausgabehalterung hängt, und in der Folge sich alle Becher in den Luken des Geräts verkeilt hatten, der schöne Kakao also daneben- und der fertige Kaffee hintenrüberfloss, während wir – kopfüber und auf zwein unserer vier Beine balancierend, mit den anderen Extremitäten gleichgewichtsrudernd – versuchten, irgendeinen Getränkerest herauszufingern, möglichst im Becher, möglichst ohne Verbrühungen. Für Vorbeigehende sicher ein Bild für die Götter.
Oder der Moment, wo ich mit Tellern und Besteck minutenlang vor meinem Schreibtisch harre, im Kopf die Frage kreiselnd, wer denn gleich noch an welchem Platz saß, sonst immer, und es mir partout nicht einfallen wollte, bis mir in den Sinn kam, dass ich ja am falschen Tisch im falschen Zimmer in der falschen Etage stehe mit meinem Tischdeckanliegen (na immerhin im richtigen Haus).
Oder der Versuch, eines Morgens, als der verregnete Sponsorenlauf des Sohnes genau 20 Stunden vorbei und seine Turnschuhe (welche im Moment die einzigen Schuhe sind,  aber das ist eine andere Geschichte) noch lange nicht trocken sind, neben der Morgenroutine per Fön das Schuhinnere zu trocknen, damit das Schulkind nicht mit nassen Füßen und so. Und wie ich also aus Zeitmangel den Fön immer wieder hineinlege, laufen lasse, zwischendurch Tisch decke, Kinder wecke, mich noch wundere, dass die schwarze Düse des Föns abfällt und sich nicht mehr aufstecken lässt, und ich den Fön trotzdem wieder hineinlege und immer noch nichts merke, auch nicht den aufziehenden Geruch, und auch die langziehenden Fäden (man stelle sich das wie beim Käsefondue vor) mich nicht aufmerken lassen – ich muss schon selten ferienreif gewesen sein. Nu ja. So also:

Und das Schuhinnere sah nicht anders aus. Verklebt, verschmort, verkrustet. Der Sohn war nicht begeistert. Und trägt seither Sandalen.
So war das in den letzten Wochen.

Dann das Finale.
Mit Projekttagen, Notenkonferenzen, Zeugnisschreiben, letzten Elterngesprächen, letzten Berichten, Schulfest. Schulevonfrühbisspät. (Der Sohn eines Morgens beim Verabschieden: „Tschüss, Mama, bis morgen.„)
Ich konnte nicht mehr. Ich konnte diesmal wirklich nicht mehr. Am Montag ein plötzlicher Fiebernachmittag, wie ich es noch nie erlebt hatte. Ich ging sogar zum Arzt. Und am Dienstag trotzdem wieder in die Schule. Schulfestaufräumarbeiten bis abends, genauer bis kurz vor Mitternacht, so dass wir noch zu zahlreicht im Lehrerzimmer sitzen, Zeugnisse einheften, Geld abrechnen, letzte Listen vervollständigen, alle mit umrandeten Augen, uns einen Rotwein teilen (auch zu zahlreicht) und dabei Mühe haben, nicht noch die frischabgehefteten Zeugnisse zu bekleckern. Mir geht es eigentlich immer noch schlecht, doch dafür ist im Moment keine Zeit.
Und ein allerletzter Tag. Mit Eis für alle Schüler und Blumen für so manche Lehrer, Zeugnisausgabe und Abschied von meinen Herzens-6ern, die Tränen aber werden sogleich getrocknet durch die Hektik der letzten Erledigungen, ein letzter Rüffel (auch dabei Tränen, den Nerven geschuldet), die letzte Dienstbesprechung, Kollegenverabschiedungen (wieder Tränen).
Endlich gegen drei Uhr nach Hause, die Zeugnisse der eigenen Kinder anschauen. Herzen, drücken, gemeinsam glücklich sein, aufgeregt alles erzählen, was an diesem Tag bedeutend war. In den zum Zeugnis geschenkten Büchern lesen – ein Drittel der Seiten ist schon durch, als wir am Abend noch zu einem letzten Klaviervorspiel gehen. Dann Pizza essen – Ferienbeginn.

Und jetzt:
Mein innerer Motor läuft immer noch auf Hochtouren. Letzte dienstliche Mails abarbeiten, Schulstapel aufräumen, die Kinder zu ersten Ferienterminen kutschieren, das Haus von der gröbsten Unordnung befreien, und dem Sohn assistieren, der – uiuiui – Schulsachen aufräumt und danach energisch die Materialliste fürs nächste Schuljahr verlangt, um schon alles bereitzulegen und abzuheften und einzubinden und die noch fehlenden Dinge auf eine Einkaufsliste zu schreiben. (Was ist denn mit dem passiert??? Als ich verwundert schaue, sagt er nur, er freue sich halt so auf die 6. Klasse.)
Abends kommt lieber Besuch, vor Mitternacht sind wir nicht im Bett, und vor 12 Uhr mittags nicht wieder draußen (nicht übertrieben). Beginnendes Ferienschlendern, denke ich gerade.
Und dann klingelt das Telefon.
Wumm.
Borreliose also.
Immerhin schwelt sie nun nicht weiter unerkannt. Zum Glück habe ich am Montag, als ich mit meinem unerklärlichen Fieber bei der Ärztin war, als es mir mit Hände- und Füßekribbeln und tauben Lippen und sonstigen Unerklärlichkeiten schon ganz mulmig im Bauch war, darauf gedrungen, dieses mit zu testen. „Ach Quatsch„, hat sie wohl gedacht, der Zeckenstich sei unauffällig, und der andere, der seit sechs Wochen rotfeuernd brennt, der sei ja nun gar nicht typisch. Und mein Allgemeinzustand – nee, das sei bei Borreliose ganz anders. (Aber was sonst, das wisse sie auch nicht.) Zum Glück war ich hartnäckig und bestand auf dem Test. Auf das Rechthaben hierbei hätte ich gern verzichtet.

Und nun?
Quer durchs ganze Internet habe ich heute gelesen, bin nun Expertin für Stadien, Symptome, Medikamente und – naja – auch dafür, was dann später (also: für immer?) noch nachkommen kann. Auch davor habe ich nicht die Augen verschließen können. Das Aufblitzen all dieser Möglichkeiten – ein Gefühl wie in der Achterbahn mal eben aus dem Looping zu fallen.
Bei einem zweiten Arzt war ich noch, und bei einer telefonischen Beratung. Abwarten oder gleich hoch medikamentieren? Welches Antibiotikum? Was sind die Für und Wider?
Letztlich hat sich in mir am Abend, kurz vor Apothekenschluss, eine Entscheidung eingestellt. Seitdem fühlt es sich ruhiger an. Nun werde ich die Tabletten schlucken, die selbst entschiedenen, nicht blind aufgeschwatzten, und auf die Antworten warten. Ob es früh genug war, die Erreger wieder loszuwerden. Ob die Blutwerte in 6 Wochen besser sein werden. Ob ein zweiter (und ein dritter und ein vierter …) Antibiotikumszyklus folgen muss. Ob mir chronische Folgen bleiben werden. Ich kann nichts mehr tun dafür. Nur noch warten und hoffen.
Dann noch die Frage, ob ich mich in den nächsten Tagen von Grippegefühl und erschlagender Müdigkeit wieder hochrappeln werde. Welche Nebenwirkungen bei mir kommen werden. Ob die sogenannte phototoxische Wirkung des Medikaments es zulassen wird, den Sommer außerhalb des Hauses zu verbringen. Wie weit ich mich aus dem Schatten wagen darf, und ob sich das mit unserer geplanten Fahrradtour vereinbaren lassen wird.
Im ersten Moment heute Mittag fühlte ich mich so betrogen – um meinen Sommer, um meine Ferien, um unsere Reise. Der Sohn weinte, weil er sich so unendlich gefreut hatte. Heute wollten wir schon auf den Rädern gesessen haben. Und nun ist noch gar nicht klar, ob wir überhaupt irgendwohin werden fahren können, zumal mit dem Fahrrad.
Allmählich aber lichtet sich mein Nebel, scheint mir ein Sichfügen auf. Wir werden sehen, welche Schritte der Sommer mich zu setzen lehrt. Welche Art von Ferien mir entgegentreten werden. Und welche Art von Lehre mir diese Erkrankung mitbringen wird. Das Ungeplante und das Unplanbare annehmen, Starksein und Schwachsein zulassen.
All das  …

PS: Reibt Euch und Eure Kinder gegen Zecken ein. Immer. Bitte!

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