Stenogramm

Natürlich bin ich längst wieder hier – ist ja auch längst wieder Schule – und nur wie immer nach den Ferien von der Tatsache überrumpelt, dass das Schul- und Alltagsgeschäft unvermittelt die unverminderte Vorferiengeschwindigkeit aufgenommen hat, ohne sich darum zu scheren, dass ich doch eigentlich noch ein wenig Zeit zum Tempoaufnehmen bräuchte und doch noch gern ein wenig meine Ferienbücher zu Ende lesen und mein Ferienschlafpensum beibehalten und meine Ferienkinderkuschel-und-vielzeithabgelassenheit weiterleben lassen würde, und mich statt einer gemütlichen würde-und-bräuchte-Traumzeit in eine Aufgabenschlange wirft, die mich durch Fortbildungen, Kindertermine, Unterrichtsprüfungen, Wäscheberge, Dienstmailfluten, Unterbettflusen (ok, siebtrangig, bleiben liegen), Kolloquien, Mathematikwettbewerbe und  solcherlei Dinge geradlinig – oder heute auch leicht kopfschmerzschlingernd – in den morgigen Tag führt, an dem ich zum fünften Mal im Leben morgens um halb sieben einen dicken Umschlag aus dem Schultresor holen werde, Abituraufgaben enthaltend, zum Durchrechnen, Diskutieren und Auswählen, damit wir dann die präferierte Variante den Schülern auf ihre Plätze legen, zusammen mit einem Glücksschokoladenmarienkäfer, lange bevor diese gegen acht mit schlotternden Knien erscheinen (also die Schüler, nicht die Käfer), um ein paar Stunden später einen Stapel gelber Mappen mit hunderten von Blättern gefüllt zu haben, den ich also zum fünften Mal im Leben nach Hause tragen  und Blatt für Blatt, Stunde für Stunde abarbeiten werde – Abgabetermin 24. April 12 Uhr – und nebenher hoffentlich nicht vergesse, immer mal wieder zu meinen Unterrichtsprüfungen zu fahren, und zwischendurch in die Schule zum ganz normalen Unterricht (was war das doch noch gleich?), und dabei nicht aus dem Auge verlieren darf, dass da – beginnen die nicht am 26. April? – noch mehr als ein Dutzend mündlicher Prüfungen auf mich warten, also ich zwar auf der anderen Seite des Tisches, aber in dieser Rolle zum allerersten Mal und damit nicht weniger aufgeregt, was die Prüflinge natürlich nicht glauben und ich mich nach Kräften per Mail und Telefon in diesen Tagen auch noch um seelentröstliche und -streichelnde Zugewandtheit, soweit es eben im Rahmen der Prüferrolle möglich ist, bemühe, und nebenher aber schonmal mehr als ein Dutzend Fragenkataloge entwerfe, denn wie soll es denn eine gescheite Prüfung werden, wenn ich nichtmal gescheit zu fragen verstehe, frage ich mich, dies also auch noch, zu den gelben Mappen dazu, und wenn ich meinen Kalender nicht tagtäglich-minütlich konsultieren würde und Out.look-Erinnerungsklingelzeichen mich nicht zum rechten Termin schicken würden, dann hätte mich dieser Strudel wohl schon längst in die Tiefen von Vergessen und Verwirrung gezogen (mein Alptraum: ich fahre zu einer Unterrichtsprüfung und stehe plötzlich in der falschen Schule – ist einem Kollegen von mir passiert, uiuiui, da kann ich froh sein, bisher nur Vornamen von Kollegen und Nachnamen von Mailadressaten zu verwechseln, und gelegentlich einen Zettel zu verbummeln), es geht also rund hier im Hause und am Schreibtisch Rebis, was alles in allem ein wenig schade ist, hätte ich doch gern – trotz der eisigen Optik – hier und da noch ein paar der Ferienfotos geschaut und gezeigt und mich innerlich zurückfallen lassen in meine Spazierrunden rund um zugefrorene Mecklenburger Seen, die mich aber bei aller Außenkälte doch in warmes Fließen zu bringen vermochten, und in eine Melancholie, die sich mir nicht ganz öffnete und vermutlich noch so manches Unentdeckte verborgen hält, was aber nur schon wieder so weit weg erscheint und nicht jetzt weiter vertieft werden kann, weil ja eben das mit dem Umschlag morgen und den gelben Mappen und so, weil das alles sich schon wieder so in den Vordergrund gedrängt hat, dass mich nicht wundert, wenn heute mein Kopf kopfschmerzhämmernd anzeigt, wie er es nicht will …

PS: Wen das Lesen dieses Satzes (ja, es war nur einer) ein wenig aus der Puste gebracht hat – geschrieben war das leicht. Denn so fühlen sich meine Tage derzeit an: ohne Punkt und Komma immer weiter immer weiter.

Apropos Punkt: Punkt für heute.
Bett.

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3 Kommentare

  1. Das sollte Pflichtlektüre werden für alle Eltern, die glauben, Lehrer hätten ja sooo viel Zeit.

    Ich wünsche dir ganz viel Kraft und Gelassenheit und die eine oder andere (kleine) Ruheinsel in diesem wilden Fluss!

    Herzlichst
    Marie

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  2. Uff. Ich kenne solche Tage und Sätze. Derzeit habe ich aber Leerlauf und kann viele Punkte und Kommas setzen. (kann ab und an ganz schön sein, fängt aber schon an, mich rastlosen Geist zu nerven) – ich würde dir gern ein paar rastlose Stunden abnehmen :-). Liebe Grüße von Frau Kreis

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