… mag nicht …

Wie das wohl wäre – wie ein kleines Kind mit dem Fuß aufzustampfen, sich zornentbrannt auf dem Boden zu wälzen, „nein!“ und „ich will das aber nicht!“ zu kreischen, trotzköpfig einfach im Bett liegen zu bleiben, mit Decke überm Kopf – und schon wäre alles in Luft aufgelöst, was gerade noch bedrängte. Wie das wohl wäre …
Bin aber kein kleines Kind. Und weiß, dass das selbst bei kleinen Kindern nicht funktioniert. — Mein „neee, nicht schon wieder so etwas“ kann ich murmeln, stöhnen, schreien, seufzen, so oft und so laut oder leise ich will – es ändert nichts. Schon wieder „solch“ eine Nachricht. Schon wieder.
Ich will sie nicht hören, ich kann sie nicht in die Nähe lassen. Spüre, wie sich etwas in mir verschließt, mich von meinen Gefühlen trennt, mich dumpf werden lässt. Ja, wie empfindungslos schaue ich auf die Mail, auf die gehörten Worte, auf die erzählte Lebensgeschichte, auf die Gespräche seither. Mache mir Notizen, mit welchen Worten ich am Montag die Kollegen informieren werde – Worte auf dem Papier, und in mir schwingt nichts mit.
Währenddessen starre ich auf das Telefon wie das Kaninchen auf die Schlange. Scheue mich, drücke mich, schiebe es hinaus. Heute sollte ich wohl. Die aktuelle Situation erfahren, unsere Beobachtungen weitergeben, und dabei … mittragen? (Das ist es: kann ich das? will ich? soll ich? geht das überhaupt? wieviel Nähe, wieviel Distanz braucht es?)
Mal wieder wird deutlich: wir sind für unseren Beruf nicht ausgebildet. Küchenpsychologie und Empathie und mein kindlich-naiver Wunsch, mal eben als Engel die Welt zu retten, die Welt dieses einen Kindes jedenfalls – das alles ist eben noch keine Professionalität.
Ich hätte gern Antworten, nicht nur Fragen, Ideen, nicht nur Hilflosigkeit, Erklärungen, nicht nur Verständnislosigkeit – hätte gern so manches anders gemacht, jetzt im Nachhinein. Ein Aufwallen des ewig-latenten Ich-bin-eine-schlechte-Lehrerin-Gefühls.
Ich scheue also vor dem Griff zum Telefon. Fühle mich feige, unfähig, abgestumpft. Und bin es im Moment wohl wirklich. So sehr, dass mir in den drei Tagen, seit ich darum weiß, auch mein positives Empfinden abhanden gekommen ist – kein Befreiungsgefühl, weil ich wichtige Arbeitsschritte für jetzt und lange beendet habe und mein Aufgabenberg zwar noch hoch, aber nicht mehr dringend und derzeit nicht nachwachsend, nur noch abzuarbeiten ist – kein inneres Mitsingen, als die Kinder musizieren: ich sitze einfach daneben – keine Freude über neugewonnene Zeitfenster: ich streiche ohne jede Leselust durch meinen Bücherberg und eine Buchhandlung, die mich sonst so verlockt – kein wirkliches Klavierspiel: mechanisch hämmere ich Fingerübung um Fingerübung – und als mir eine Dose frisch mit Kinderliebe gebackener und verzierter Plätzchen auf der Treppe aus den Händen rutscht und über zwei Etagen zerbröselt, als die Kinder weinen, kehre und sauge ich nur regungslos alles auf und sage „dann backen wir eben mal wieder“ (was in dem Fall nichts mit Gelassenheit zu tun hatte). — So leer, so unlebendig, so kalt ist alles in den letzten Tagen.
Ein Anfang, hier wieder zu schreiben. Endlich wieder Worte. Das ist ein klitzekleines bisschen wärmer als nur kalt. Und – ich merke es erst jetzt: seit heute Morgen ist mein Kopfschmerz weg, der drei Tage lang in mir gehämmert hatte.
Vielleicht sollte ich heute bergauf-bergab durch die kalte Winterluft laufen – vielleicht lässt sich mein Inneres dabei miterwärmen, vielleicht erwacht es aus seinem Winterschlaf.
Und: ich werde anrufen. Heute noch.

PS. Soeben, da ich hier fertig geschrieben habe, fliegt mir aus den Netzweiten ein Text in die Hände. Einer der so sehr passt, dass ich plötzlich wachwerde und weiß, dass heute noch Tränen fließen werden. Danke.

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