Arbeitsweg

Bin gestern sehr früh eingeschlafen, so erschöpft, noch bevor ich erzählen konnte: Ja, ich habe es getan, wieder mal! Mit dem Fahrrad zur Arbeit nämlich, zu meiner Dienstagsarbeit. So sieht es unterwegs aus …

Das war auf dem Rückweg, in der warmen Mittagszeit.

Morgens ist es stockfinster, ich kann das schwarze Wasser hinter den schwarzen Bäumen nur erahnen. Eine unglaubliche Stimmung. Und ein sehr erlösendes Schwarz. Denn bevor ich auf den Fluss treffe, liegen 10 km Bundesstraße hinter mir. Gegen halb sieben morgens über die abgeschiedenen Felder traue ich mich nicht. Deswegen der Radweg dicht an der Straße, auf der mich jedes entgegenkommende Auto dermaßen blendet, dass ich mein eigenes Fahrradlicht und den Weg vor mir kaum noch sehe, immer nur hoffen kann, dass mein Reifen stets die Mitte zwischen Böschung rechts und Fahrbahn links beibehält. Deswegen: erlösendes Schwarz des Flusses. Von hier ab ist alles gut. — Wie unterschiedlich die gleiche Farbe wirken kann …

Und noch ein Sehenserlebnis. Weil ich mit dem Fahrrad mal eben schnell in die Stadt hinein fahren konnte, ließ ich endlich meine Brille richten bzw. austauschen – seit Wochen spricht der Optiker auf meinen AB, ich solle vorbeikommen. Spontanentschlossen tat ich’s gestern. Hatte aber keine Ersatzbrille dabei und musste die Wartestunde „blind“ verbringen. Naja, nicht blind. Aber so verschwommen, dass ich niemanden und nichts außer Konturen erkenne. Vielleicht habe ich also Menschen verprellt, die mich freundlich anlächelten und ich hab’s nicht bemerkt, vielleicht hab ich Bekannte übersehen, hab sonstige Ungeschicklichkeiten begangen. Hilflos, war mein Gefühl.
Bis ich mich setzte, auf den Innenhof meiner Studentenjahre, verschwommene Wolken von Farben und Licht schauend, in vertrauter Umgebung, und alles war gut. Aber doch ungewohnt. Und Neugier war in mir … so dass ich meine Kamera beauftragte, für mich zu entdecken, was sich in den Farbwolken verbirgt. — Sehr faszinierend: da waren Konturen, da war Erahntes und Nichterahntes, Vertrautes und Überraschendes …

Nein, da ist nichts „Besonderes“ auf den Fotos. Mich faszinierte lediglich, dass ich von all dem nichts – NICHTS – gesehen hatte. Manches habe ich in all den Jahren mit Brille auf der Nase nie wahrgenommen.
Insofern … ist es also doch etwas „Besonderes“?
Wie oft mag uns das mit unserem „normalen“ Sehen auch so gehen – wir sehen, und sehen doch wieder nicht …

Advertisements

6 Kommentare

  1. es gibt tage, da geht es mir ähnlich, obwohl ich keine brille brauche. ich sehe nicht wirklich. und dann, ganz plötzlich, ist es, als hätte jemand den schleier fortgezogen und ich kann „richtig“ sehen, dinge, die fast wie von zauberhand plötzlich da zu sein scheinen. (sie waren ja immer schon da…)
    lg ramona

    Gefällt mir

  2. Liebe Frau Rebis, das sind doch auch sehr spannende Ergebnisse, besonders mag ich die zwei Bodenbilder!
    Wie ich deins lese musste ich an letztes Jahr denken, als ich noch die grauen Staren in den Augen wohnen hatte, im Wendland war und manchmal etwas verzweifelte, weil ich die Menschen immer nur erkannte, wenn sie schon fast vor mir standen, da hatte ich diese Ängste, die du hier beschrieben hast auch- nicht schön!
    Heute dachte ich aber auch noch, dass ich niemals wirklich die Erfahrungen eines blinden Menschens in aller Tiefe machen kann, weil ich in unsicheren Momenten sofort wieder die Augen aufreisse-
    nun folgt ja erstmal noch das Experiment mit der Binde vor den Augen, stillem Sitzen und die Kamera immer dorthin richten wo ich etwas höre oder spüren werde und das möglichst an einem nicht vertrautem Ort.
    Wir gehen spannenden Zeiten entgegen ;)
    liebe Spätabendgrüsse an dich
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Ulli, im Moment sind karge Tage, es sieht sich nicht gut und viel. Ich setze auf die bald beginnenden Ferien (wenn ich sie da mal nicht mit meinen Hoffnungen überfrachte, die Handvoll Ferientage …) und die heilende Kraft der Zeit.
      Aber – hier an dieser Stelle hat das Aber eine positive Bedeutung:) – aber auch solche Tage wie jetzt haben ein Aber: Aber ich habe Cello geübt mit geschlossenen Augen. Wow. Mir war nicht bewusst, wie sehr mich die Augen ablenken von allen anderen Wahrnehmungen. Obwohl ich ja eigentlich immer nur auf die Noten oder den Bogen schaue (und beides nicht bräuchte, eigentlich). Jedenfalls: mit geschlossenen Augen wurden mir einige Dinge besser oder überhaupt erst erspürbar. Vor allem das Gefühl der verschiedensten Bewegungen, die ineinandergreifen und in einen Einklang finden sollen (wovon sie weit entfernt sind:))
      Ich grüße Dich von Herzen, Frau Rebis

      Gefällt 1 Person

    1. Ja, schön, Dich hier zu treffen … mit den bald beginnenden Ferien werde ich wohl wieder wort- und bilderreicher werden, dann will vieles in diesen Sprachen verarbeitet werden. Manchmal weiß man ja selbst nicht, was einem bevorsteht: bildlich und so allgemein. Liebe Grüße zurück!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s