Erlebensstaufließen

Da ist so vieles.
Ein Hauch besonderen Lichts,
der unerwartet warme Blick eines Menschen,
nicht geahnter Schmerz, immer noch,
die in Zugewandtheit hingehaltene Hand eines Menschen – ich weine, weil es jemand so gut mit mir meint,
ein Traum, mich nichtverstehend zurücklassend,
Begegnungen in Ehrlichkeit, wo sonst Fassade vorherrscht,
Tränen, und das Gefühl zu ersticken,
und das Vertrauen, dass es ein Quäntchen Luft gibt, überall,
Fragen, Zweifel, Besorgnis bergeweise,
Staunen, immer wieder, wie die Kinder mich ruhig an ihre kleine Hand nehmen, Wege aufzeigend, Augen öffnend,
die Herbstfarben, der Morgennebel — ein tiefes Aaaah aus mir heraus

all das.

Es staut sich in mir. Es bräuchte Raum, es bräuchte vielleicht Worte es hinauszusagen, vielleicht Musik es hinauszusingen, vielleicht Bilder es hinauszumalen. Manchmal stelle ich mir vor, dass es eines Tages die dünne Haut, meine dünne Haut, einfach zerreißen wird. Besser gesagt: sprengen wird.

Heute Nacht, vorhin, habe ich geträumt: Ich war irgendwo, eine Veranstaltung, ein Seminar, was weiß ich, jedenfalls habe ich anderswo übernachtet. Am letzten Morgen zogen sich die Dinge in die Länge, und zogen sich, und wollten nicht recht vorwärtskommen. Alle anderen packten nach und nach ihr Köfferchen, eilten zum Sitzungsbeginn – pünktlich, fast pünktlich, mit entschuldbarer Verspätungsmenge jedenfalls.
Ich war die letzte. Wie gelähmt. Bis es nicht mehr lohnte sich zu beeilen. Denn all die Morgenschritte standen wie eine Mauer vor mir. Kam ich aus der Dusche, hatte sich ein neues zu Tuendes vor mir aufgebaut. Packte ich Dinge in meinen Koffer, rutschten auf der anderen Seite andere heraus …
Irgendwann das Verstehen: ich werde es nicht schaffen. Und ich muss es nicht schaffen. Ich werde überhaupt nicht mehr hingehen. Als ich gerade dabei war, mir eine Notlüge zurechtzugrübeln, holte mich lautes Herbstwindblätterrauschen in meinen Sonntagmorgen, den realen.
Hm.
Nein, das ist nicht der Fragezeichen-Traum. Diesen verstehe ich sehr gut. Jedenfalls jetzt beim Aufschreiben. — Soeben habe ich meinen Morgenablauf angehalten, den realen. Mal schauen, was passiert, wenn ich dies aus dem Traum in die Wirklichkeit übertrage …

PS (einige Stunden später):
Abrupt von den Rufen des Alltags aus meinem Morgenträumen gerissen, habe ich mich den Aufgaben hingegeben. Zwangsläufig, wider Willen, könnte ich sagen. Und doch: es war anders. Ein Fließen, angestoßen durch meine wenigen Wortsucheminuten am Morgen. Worte und Unsagbares, still gespürt, nur ich für mich, beim Tischdecken, beim Wäschesortieren, beim Hausaufgabenbegleiten, bei den tausend Handgriffen, die zwischen meinen Morgenzeilen und diesen hier liegen.
Die Worte sind wieder weg. Das schweigend mir Zugeflossene ist geblieben – als beruhigende Ahnung tief in mir. Worin sie besteht?
Vermöchte ich es genauer zu sagen, würde ich es tun. Sage ich es mit den Worten, die ich im Moment habe, klingt es einfach. So einfach, dass es kaum mehr verständlich sein kann:
Dein Weg liegt vor Dir. Nimm ihn. Nimm ihn so, wie er ist. Und verstehe nicht jede Felswand als Deine Unfähigkeit. Sieh sie als Überforderung, als von Dir nicht verschuldete.
Ja, überhaupt, welche Schuld? Und welche Unfähigkeit?
Schau, was hinter Dir liegt, was noch vor einem Jahr war, und vor zweien. Schau, was sich verändert hat. Hättest Du das je gedacht? Schau Dich im Spiegel an.

Ich danke meinem Traum. Sehr.
Und was ich heute morgen noch vorhatte – Bilder von der Reise zu zeigen, die jetzt vor einer Woche endete, mich in diese Bilder zu versenken, sie wieder vor mich zu holen – das findet nun keinen Raum mehr in der zeitlichen Enge dieses Sonntags. Das macht nichts. Es ist gut so. Ich schaue nun meine Aufgaben an. Und mich in ihnen. Gehe weiter. Mein Weg liegt vor mir. Irgendwo durch die Felswand hindurch. Oder an ihr vorbei. Oder an ihr hinauf, weil ungeahnte Seile sichtbar werden. Oder ich warte ein Weilchen ab, bis mein Weg mich findet.

(Und soeben, ganz zuletzt, habe ich noch die Überschrift des Posts verändert. Habe den 12 Buchstaben des Morgens 7 weitere angefügt.)

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