Dichtigkeiten

Die Dichte meiner Tage nimmt allmählich wieder zu. Oder nein – dicht waren meine vergangenen Wochen auch. Nicht weniger intensiv lebte ich in meinen Ferientagen, auf andere Weise.
Nun aber verschieben sich die Lebens- und Seinsbereiche, durch die ich mich alltäglich bewege. Nicht mehr unbeschwert in den Tag hinein leben, lesen, träumen, nicht mehr ohne Blick auf die Uhr mit den Kindern kuscheln, backen, basteln, bauen, nicht mehr ausgiebig in Haus und Garten räumen, gestalten, kruschteln. Statt dessen erste Schreibtischstunden, erste Arbeitsaufgaben erledigt, einige weitere angegangen, die restlichen Tage bis zum Schulbeginn ge- und weitgehend verplant. Wie immer bleiben viel zu viele To-do-Dinge für viel zu wenig Zeit.
Mein Hinübergleiten in den Alltagsrhythmus geschieht derweil so langsam und so gelassen, dass ich dabei gut in mich hineintasten kann. Was mich beengt – wodurch es mich beengt – ob ich diesem Engegefühl entgehen kann. Und ich erkenne so manches. So viele Barrieren, die nur ich vor mir selbst aufbaue. So viele Steine, die ich mir selbst in den Weg lege. So viele Ansprüche an mich selbst, so viel Bedürfnis, immer alles gleich fertig zu haben, so viel Sucht nach Perfektion. Und während ich mich einer Aufgabe, einem Bereich, einer meiner Rollen auf solche fast ungesund intensive Weise widme, muss ich zwangsläufig anderes beiseite lassen, Tag für Tag. Nie reicht es für alles. Das vergangene Schuljahr: Ein aufsteigendes Unzufriedenheitsgefühl, zunächst leise grummelnd, später tief in mir rumorend, letztlich mich fast meiner Erdung beraubend. – So war es. —
So aber sollte es nicht wieder werden. Ich würde zu gern die gelassen-knisternd-intensive Dichtheit dieser Anfangstage bewahren, in denen ich jede einzelne meiner Klassen, meiner Unterrichtsaufgaben, meiner sonstigen Tätigkeiten, und auch den Alltag mit nunmehr zwei Schulkindern gespannt und vorfreudig erwarte. Ich würde zu gern jeden Tag weiter so leben wie in den letzten Wochen – die Schritte selbst setzen, und nicht von unbarmherziger Aufgabenfülle durch die Stunden gezerrt werden.
Das Gezerrtwerden aber – das ist in mir, ahne ich. Gestern hat sich mir ein schönes Bild geschenkt. Eine Bücherwand für mein Arbeitszimmer war – endlich – abzuholen. Lang schon bestellt, kommt sie jetzt, wo ich kaum noch Zeit habe, sie aufzubauen, einzuräumen – das ist ein Werk von Tagen, ahne ich. Und wie ich so Brett um Brett (insgesamt 30 schwere Pakete) aus dem Auto räume, erstmal im Flur deponiere, kommt mir dies: Ich muss nicht alles gleich nach unten tragen. Und aufbauen muss ich es in diesen Tagen schon gar nicht. Ich kann einfach, wann immer ich nach unten in mein Arbeitszimmer gehe und gerade die Hände frei habe, eines der Pakete mitnehmen. Peu a peu, tagelang, meinetwegen. Bis irgendwann alles unten sein wird. Und dann beim Aufbauen ebenso. (Nuja, hier hinkt die Idee: ob es statisch funktionieren wird, eine Bücherwand Stück für Stück aufzubauen, wird sich zeigen :)) Beim Einräumen weiterhin – Schritt für Schritt, Fach für Fach.
Ob ich das durchhalte? Ob ich das auf andere Aufgabenberge übertragen kann? Ob ich diese Gelassenheit auch hinüberretten kann, wenn die Regalbretter sozusagen ständig nachwachsen? Und die überschaubar kleine 30 durch eine weit wildere Größenordnung ersetzt wird, wie der Alltag mich bald wieder lehren wird? — Ich werde sehen, ich werde es versuchen, ich werde hoffen. Auf Tage wie diese, auf ein gesundes Sein in der Dichte …

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