nicht heil

Osterferien stellt man sich anders vor. Von wünschen ganz zu schweigen. Jedenfalls nicht mit Pendelverkehr zwischen Krankenhaus und Zuhause. Nicht mit Notarzt und Not-OP …

Was das mit mir macht? Ich bin ganz ruhig geworden. Denke über „vorstellen“ und „wünschen“ nach. Dass beides immer weniger Platz in meinem Leben findet. Dass ich wieder mal eine Chance bekomme, das Annehmen zu üben – das kleine Annehmen, in Stellvertretung – oder Vorbereitung? – des großen. Die bis gestern noch wichtigen Dinge rücken sich zurecht, wohin sie gehören: auf die Nebenbühne. Ins Zentrum gerückt ist die — hm — Stille? — Mir fehlen die Worte, das zu benennen, was ich in den letzten Tagen erfahren durfte.
(Und dass ich erstmals im Leben meine Abiturkorrekturen unpingelig, unpedantisch, unperfektionistisch, unakribisch und pragmatisch zügig durchziehe, immer häppchenweise zwischen zwei Klinikfahrten – das macht mich stolz und froh zugleich: Könnte ich mir diese Arbeitsweise bewahren, für „unspektakuläre“ Zeiten, was hätte ich Wesentliches gelernt für meine Arbeit :))

Die Kinder?
Der Sohn ist besorgt und sehnsüchtig. Schenkt seine Liebe in der Hülle einer täglichen Mitbring-Gabe voller Originalität und Selbst. Heute – er wächst über sich hinaus – hat er erstmals in seinem Leben ganz ohne meine Hilfe gebacken. Kekse, in Bilderform zurechtgeschnitten, verziert, beschriftet. Der größte bekam nur die Aufschrift „Papa“. Ein Ausrufezeichen war unsichtbar dahinter gesetzt.
Verlassen wir die Klinik, ist er traurig, kaum zu trösten. Nur die Loriot-Kassette vermag ihm ein Lächeln zu entlocken. Und sofort grübelt er los, was er morgen schenken könnte …
Die Tochter verpackt ihre Ängste in tausend Fragen. Saugt alle Eindrücke der Klinik auf und teilt mir mit, was sie beobachtet. Dort: ein Mann liegt in einem Bett, wird von einem Arzt geschoben. Und dort: lauter Ärzte kommen die Treppe runter. Und dort: ein Kind, hat sich den Arm gebrochen. Und dort: der Mann hat ganz viel Rot an der Wange, hat sich verletzt. Dort: die Frau hat ein verbundenes Auge.
Sie will alles wissen: Warum trägt die Frau ein Tuch vor dem Mund? Wie wird eine Narkose gemacht? Warum sitzt der Mann im Rollstuhl? Wozu sind die Knöpfe hier am Bett? Was ist in der Flasche? Warum haben die in der OP grüne Sachen an? Wenn ich mal ins Krankenhaus muss, gebt Ihr mich dann in die Kinderklinik oder hierher? Warum sind die Kinder in der Kinderklinik? Und wenn der Papa sterben muss?
Ich weiß keine Antworten. Außer auf die marginalen Fragen, wozu die Knöpfe am Bett sind und was in der Flasche ist. Nicht mal das Wie der Narkose, nicht mal die Grünkleidung kann ich erklären. Geschweige denn ihre wirklichen Fragen. Ich öffne meine Augen und realisiere mit ihr, in welcher heilen, unangetasteten Welt wir bisher gelebt haben. Sie kennt das Unheile nicht, sie hat Versehrtheit noch nicht erlebt. Nun steht sie davor, in einer Mischung aus Neugier, Schrecken, Faszination und Angst. Sie schenkt mir mit ihren Fragen ihre Kinderaugen. Ich kann gar nicht anders, als jede Augenblicksbegegnung auf den Klinikfluren mit einer Frage zu durchleben – nach der Geschichte, dem Schicksal, der Kraftquelle meines Gegenübers. So viele Gespräche würde ich hier gern führen, so viele Lebenswelten gern betreten …

Und dann ist da noch etwas. Das wichtigste Geschenk dieser Tage vielleicht. Da ist Dankbarkeit in mir. Große Dankbarkeit.
Nicht nur – aber auch – weil sich hier unsere Geschichte relativiert, sehr relativiert. Die Schicksale, denen man auf den Fluren begegnet … wie unwichtig, wie leicht ist dagegen das Unsere. Natürlich lässt sich Schmerz nicht gegeneinander aufwiegen, nicht mit einer objektiven Vergleichslatte messen, und doch: Ich danke dafür, dass das Unsere so leicht ist.
Und noch für etwas bin ich dankbar: Wir sind in einer Uni-Klinik, einer sehr guten, mit speziellem Ruf. Der Operateur gilt als besonderer Spezialist auf diesem Gebiet. Das haben wir erst hier erfahren – denn wir sind zufällig hier gelandet, da wir vor den Toren der Kleinstadt dieser Klinik wohnen und es deswegen der nächste, für uns zuständige Notfalldienst war. Deswegen dürfen wir in diesen erfahrenen, kompetenten Händen sein. Mehr kann man nicht wünschen in einer solchen Situation.
Und ein drittes: Heute, als wir zu ihm gingen, nach der OP, in den Nochschlummer der Narkose hineintrafen, da war uns allen ein wenig mulmig. Mir ja auch. Dabei hatte ich die Kinder im Auto versucht vorzubereiten: dass der Papa „anders“ sein würde als sonst. Aber das liege an dem Schlafmittel. Und so. Ich wollte die Kinder schützen, und fühlte mich selbst hilflos und verloren dabei. Und dann kam dieses kleine Mädchen auf uns zu. Rothaarig, mit weit geöffneten Augen, mit so vertrautem Blick – da wusste ich, dass alles gut würde … (Ob ich das Mädchen kannte? Nein. Oder doch – aus einem vorigen Leben vermutlich. Es gibt solches Wiedererkennen. Das heute kam zur rechten Zeit …)

PS.
Nein, beunruhigt Euch nicht. Nichts Lebensbedrohliches, nichts wirklich Lebenswesensveränderndes. Aber das ist nur meine Sicht. Ich stecke nicht drin, stehe nur daneben.
Einschneidend ist es allemal, da es Beeinträchtigungen hinterlassen wird. Wie groß die sein werden? Wir alle müssen Geduld haben, dies zu erfahren.
Für die nächsten Wochen zunächst: Den Berufs-Familien-Alltag organisatorisch zu bewältigen, wird Herausforderung genug sein. Erstaunlicherweise fühle ich im Angesicht dieser Herausforderung etwas in mir wachsen. Ein Licht, eine Gewissheit, einen Kraftquell.
Das Leben macht mich mal wieder sehr demütig …

Advertisements

9 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s