Die Mathematikerin in mir …

… stellt einen Plan auf, an welchem Wochentag sie welches Stück Haus aufräumt,
… tut ein gleiches auch für jede Ferien und sämtliche anstehende Großaufgaben,
… liest ein Blog, dessen ältere Einträge sie kennenlernen will, systematisch von hinten nach vorn, nicht ohne sich nach jeder Lesesession eine Notiz zu machen, bis wohin sie gekommen ist,
… legt für den allabendlichen Schreibtischberg eine Liste an, auf der nicht nur die Aufgaben, sondern auch die voraussichtlichen Bearbeitungszeiten vermerkt sind – sie plant damit, bis zu welcher Uhrzeit sie wie weit gekommen sein muss,
… wird ganz unglücklich, wenn Foto- und Dokumentenbezeichnungen in verschiedenen Ordnern ihres Computers nach unterschiedlichen Verfahren vorgenommen wurden und bemüht sich in aufwändigen abendlichen Umbenennungssessions um eine stringente Linie der Dateinamenstruktur,
… bringt es nicht übers Herz, ein einsames, harmloses Stück Hellblauwäsche mit in die Beige-Hellbraun-Waschmaschine zu tun – schließlich gehört es in den Blau-Korb, und das Ganze ist eine Frage des Prinzips,
… führt systematisch Listen über so manches in ihrem Leben, und – weil sie nicht mehr besonders konsequent darin ist – steht sie desöfteren haareraufend vor dem Problem, Lücken in diesen Listen im Nachhinein füllen zu müssen, wobei sie jegliche innere Zweifel an der Sinnhaftigkeit ihres Tuns mit einem Tick zuviel an Heftigkeit vom Tisch wischt.

Eigenartig – seltsam – sonderbar? Finde ich auch. Dennoch ist es da, dieses Relikt aus meiner Vergangenheit – ja, so nenne ich das mal, denn früher war es noch viel heftiger. Da war ein regelrechter Systematisierungs- und Listenaufstellungszwang in mir.
Früher – das war, bevor mir bewusst wurde, dass Mathematik nicht mein Leben ist. Und nun ist es offenbar noch ein weiter Weg, bis ich mit allen Fasern verinnerliche, dass das Leben nicht mathematisch strukturierbar ist. Und so lange systematisiere und strukturiere ich in meinen Alltagsdingen herum.
Manchmal lächle ich über mich selbst. Und manchmal werde ich mir bewusst, dass diese Fähigkeit – jedenfalls im Beruf – nicht nur Nachteile mit sich bringt. Es ist wie bei vielem: alles eine Frage des rechten Maßes.

Ja, genau: nicht nur Nachteile. In letzter Zeit passierte es mir auffallend häufig: irgendetwas in der Schule ist zu organisieren oder zu systematisieren, in mir erscheint sofort eine Idee, ich platze damit heraus – wie die Kollegen beim Kollegiumsausflug geschickt auf die 5er-Tickets verteilt werden sollten, damit jeder damit abends bis an seinen Wohnort kommt, wie wir die Gruppeneinteilung im Landheim jetzt und sofort und zügig und immer wieder neu vornehmen können, in welcher Reihenfolge wir uns bei der Klausurerstellung gegenseitig benachrichtigen, so dass … wie wir die Stundendeputate vorab berechnen können, damit am Schuljahresende nicht das große Erwachen kommt, wer wann in welche Liste einträgt, damit am Ende alle pünktlich ihre Informationen erhalten: Alltagsberufsdinge halt –, und ich bekomme von den Kollegen immer den gleichen Kommentar: „Da spricht die Mathematikerin.“ — Obwohl dies in der Regel anerkennend (und teils neidvoll) gemeint ist, kann ich mich bis heute nicht damit anfreunden.

Irgendetwas hakt da in mir. Wegen meiner mathematischen Vergangenheit, weil ich so viele Jahre dahinein gewidmet habe, und es von vornherein nicht der richtige Weg für mich war? Irgendetwas hängt mir nach und lässt mich gegen die Mathematikerin in mir bis heute ein wenig allergisch sein.
Ich werde mich dem auf zwei Wegen nähern. Erstens: Die Mathematikerin in mir lieben lernen. Und zweitens: Ihr ein bisschen weniger Raum einräumen, stattdessen das Zepter häufiger an Frau Spontanchaotin übergeben.

In diesem Sinne: zähle ich die Punkte der Klassenarbeit heute mal mit der Hand zusammen und erstelle keine Excel-Tabelle. Hörst Du, Frau Rebis – KEINE Tabelle anlegen!!!

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4 Kommentare

  1. Ich finde es wunderbar, wenn du von der Mathematikerin in dir erzählst. Sie ist so ein erfrischendes Gegengewicht zu der achtsamen Poetin in dir. (Und diese mathematischen Züge, das Listenschreiben und die systematische Ordnung des Alltags sind mir, die ich einstmals selbst mit dem Gedanken spielte, Mathematik zu studieren, durchaus vertraut.)

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