Bilder eines Tages

Dieser Text entstand am letzten Donnerstag. Ich schrieb ihn auf Papier. Die vergangene Woche war zu gefüllt, mit so gänzlich anderem, als dass ich ihn hätte abtippen können. So kommt er heute. Und erzählt vom vergangenen Mittwoch.

Regnerischer Wind, grünschimmernde Gräber. In Bauplanen gehüllt die kleine Kapelle. In ihr ein Blumenmeer rund um die Urne. Ein Holzkreuz mit dem Namen.
Menschen bis in den Vorraum hinaus. Am Rand bleiben wir stehen, wenden unseren Blick nach drinnen. Neben uns ein paar 8-Klässlerinnen – wir hatten sie ermutigt zu kommen. Sie hatten sich nicht getraut, waren unsicher. Und nun wissen sie nicht, wohin blicken, wohin sich wenden, wohin mit ihrer Hilflosigkeit. Bilden einen Kreis, wie um sich gegenseitig zu schützen vor dem Unbekannten, dem Unheimlichen. Sich zu halten im Angesicht des Unfassbaren, in das sie die Freundin gestoßen wissen.
Sie kommt, sie geht vorbei, die Freundin. Mit Schwester und Vater. Die Mädchen in geblümten Kleidern, schnell nach vorn eilend, in die erste Reihe.Niemand wählt sich diesen Platz in der ersten Reihe freiwillig …
Tränen auf meiner Wange, auf Kolleginnenwangen, auf so vielen Wangen. Nicht nur in diesem Moment. Lieder, Erzählungen, Gebete, Erinnerungen. Und allezeit sehe ich das Mädchen im geblümten Kleid vor dem Blumenmeer sitzen.
Sie, die ihren Platz am Grab noch nicht gefunden hat, nicht findet, vielleicht lange nicht finden wird. Die an der Seite steht, auf den Boden schaut, als hätte sie eine Hülle ihrer selbst hierher geschickt. Während die schluchzende Erwachsenenwelt der Urne Blütenblätter hinterher schickt, und Tränen, und Fassungslosigkeit. Sie, in deren Auge keine Träne sich zeigt, ebenso wie im Auge der Schwester. Zwischen den Mädchen der verwitwete Vater.
Wir geben ihnen stumm die Hand. Es gibt nichts zu sagen.

Zurück zum Parkplatz. Mit dem Auto zurück ins andere Dorf, welches heute eine andere Welt ist. Nach zehn Minuten Fahrt sollen wir auf dem anderen Stern angekommen sein – und können das nicht. Entscheiden, uns nicht umzuziehen, die mitgebrachten farbigen Blusen im Auto zu lassen. In eine andere Hülle schlüpfen, nur äußerlich – das geht nicht.
Es sind seltsame Schritte, hinein in den großen bunten Saal voller Menschen. Längst hat es angefangen, es redet die Schulleiterin. Wir schleichen leise zu den extra für uns freigehaltenen Plätzen in der dritten Reihe, setzen uns. Nun sind wir da. Und doch noch lange nicht. Die Rede zieht an uns vorbei, und die folgende Musik.
Zufall, dass dann just der Schüler die Bühne betritt, an dessen Vatergrab wir vor einem Jahr standen? Damals hatte es auch geregnet. Und nun hält genau er die Rede im Namen der Abiturienten. Sagt, was ihm zu sagen wichtig ist. Wie viel von seinem Vater mag in dieser Rede mitschwingen? (Ich denke an dem Abend noch oft daran. Als ich später mit seiner Mutter auf ihren Sohn anstoße. Als wir nachts alle zusammen in der Stadt sind …)

Und dann ziehen sie auf die Bühne, einer nach dem anderen. Ein jeder hat sich dafür eigene Musik gewählt, damit es zu den eigenen Schritten passt. Ein Foto von sich herausgesucht, das jetzt groß auf der Leinwand zu sehen ist, aufgenommen vor 13 Jahren am ersten Schultag. 84mal verschmilzt ein 6jähriges mit einem 19jährigen Gesicht, eine Schultüte mit einem Abschlusszeugnis. Auf einen Punkt zusammengezogenes Wachsen und Reifen, allmählich in festlichen Kleidern die Bühne füllend. Und wieder Tränen in meinen Augen. Diesmal laufen sie nicht die Wange hinunter, obwohl dort noch die Rinne gezeichnet ist. Es ist ja kaum eine Stunde her …
Oder war das nicht vor einem Leben, das Vorhin? Oder wird nicht das Vorhin in der Zukunft sein? … Ich sehe sie vor mir, die 8-Klässlerinnen, das Mädchen im geblümten Kleid, wie sie in vier Jahren diese Bühne betreten werden. Ob sie dann ihre Kleider von heute noch tragen werden? Auch sie hatten sich festlich gekleidet vorhin, so wie sie meinten, dass es „richtig“ sei für diesen Anlass.
Ein Kleider-Zeiten-Gesichter-Lebens-Wirbel, der mich schwindlig macht …

Die Programmpunkte auf der Bühne holen mich zurück, immer wieder.
Später am Abend gibt es Sekt. Gespräche um das vergangene und das künftige Leben, um Abschied und Pläne, Händeschütteln mit den Eltern, Dankeschöns. Großeltern und Paten werden mir vorgestellt, und einmal werde ich gefragt: „Und wessen Mutter sind Sie?“ ;-)

Noch später am Abend brechen sie auf, die frisch „Entlassenen“ (so heißt das hier: Entlassfeier), verabreden sich in der Altstadt, an ihrem nächtlichen Feierort. „Kommen Sie doch mit„, rufen sie uns zu, fast schon auf dem Weg zur S-Bahn, „bitte kommen Sie mit!“ Sie meinen es ernst. Und wir schauen uns kurz an, wissend, dass es zwar ungewöhnlich, aber nur gut sein kann, mit ihnen in die nächtliche Stadt zu fahren. Und spannend allemal :)
So sitzen wir – vier Kollegen – also plötzlich im Zug, und bald in einer altvertrauten Studentenkneipe, inmitten all unserer feiernden Schülerschaft – oder wie soll man sie jetzt nennen? Ob ich mich hier überhaupt auskennen würde, wollen sie mich aufziehen. „Ha„, sage ich, „als ich in die Stadt zog und genau an diesen Tischen mein erstes Bier trank, da wart Ihr noch nicht mal geboren.“ Wir rechnen nach und stellen fest, dass es nicht ganz stimmt: sie tranken gerade ihre erste Muttermilch in jener Zeit :)
Es ist gesprächsreich, lebendig, gelächtervoll, intensiv, begegnungsgefüllt — und ziemlich laut. Mit einem Wort: Es ist gut. Bis lange nach ein Uhr sitzen wir, dann entscheiden jedenfalls wir Lehrer, nach Hause zu fahren.
Was, schon?“ – Wir sollten doch noch mit ihnen weiterziehen, durch das nächtliche Leben der Stadt. Ja, welch pralles Leben hier um diese Zeit, das wusste ich nicht. (Bin eben doch schon im Dinosaurier-Alter :)) Nein, wir gehen jetzt, es war genug, es ist spät für uns „Erwachsene“.
Aber nicht mit dem Auto!„, schauen sie uns erschrocken an. Nein, nein, wir haben das anders organisiert. Verkehrte Welt irgendwie, wenn sich die Schüler bei dieser Frage um die Lehrer sorgen :)
Das heißt: Die Nichtmehrschüler um ihre Nichtmehrlehrer. Das fühlt sich tatsächlich noch etwas verkehrt an. Aber wunderbar, und wie!

Um zwei Uhr bin ich im Bett.

Den nächsten Tag habe ich fast nur schlafend, liegend, ruhend verbracht. Um all die leisen und lauten, lebensdunklen und herzensfrohen Töne nachschwingen lassen, um den Reigen ihres Nebeneinanders, ihres Miteinanders noch einmal durch mich hindurch ziehen zu lassen. Ja, manchmal sammelt sich das ganze Leben in einem Punkt. So ein Tag war das. Das muss man erstmal aushalten …

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3 Kommentare

  1. Was für ein schönes Ritual. Für jeden ganz persönlich zugeschnitten.

    Wäre ich einer der Abi-Schüler gewesen, hätte ich allerdings ein Problem gehabt. Es gibt von mir leider kein Schultütenbild mehr, was ich sehr bedauere :-(

    Ich wünsch dir wunderbare Ferienzeiten im Norden.

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  2. Wie seltsam,
    den ersten Teil dieses Blogeintrags hab ich gestern scheinbar überlesen, überhaupt gar nicht gesehen. Aber heute dafür. Er hat mich sehr berührt.

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