Kurstreffen

Das war vorher.

Um 17 Uhr klingelten die ersten Gäste.
Neuneinhalb großartige Stunden später verließen die letzten unsere Terasse.

Dreieinhalb Stunden Schlaf blieben, bis ich einen kurzen Blick auf dieses Stilleben warf …

… und dann in die Schule fuhr.
Zeugnisse austeilen. Feststellen, dass die Schüler nicht so gezeichnet von der Nacht aussehen wie ich. Erinnern, dass solche Nächte früher besser zu verkraften waren. Bibbern, dass die Knie durchhalten, die Augen offenbleiben, die lieben Kleinen bitte heute keine allzu schwierigen Fragen stellen. Sehnsüchtig nach dem Klingelzeichen lechzen.
Der Tag ging rum, irgendwie.

Doch wie gesagt, gestern war es großartig.
Nur eines verstehe ich nicht. Da habt Ihr Wunschkonzert. Soll heißen: das Angebot stand und war absolut ernst gemeint, dass ich Euch genau das zu trinken kaufe, was Ihr mir auf eine Liste schreibt. Ihr hättet alles alles wünschen dürfen. (Naja, fast alles.)
An der Menge hat’s nicht gelegen. Meine Familie wird nun bis Ende des Sommers mit Getränken aller Art versorgt sein. Mindestens.
Aber die Mischung? Wieso wird Getränk A, da von allen getrunken, schon nach einer knappen Stunde alle? Während von Getränk B, in gleicher Menge bestellt, im Laufe der Nacht nicht eine einzige Flasche geöffnet wird? Warum wurde Getränk C geordert und dann aber, sobald im Kühlschrank erspäht, mit Kommentaren bedacht, dass man das olle Bäh-Getränk doch sowieso nicht und gar nie trinke, auf gar keinen Fall, und niemand. (Doch, ich sag’s: drei Verräter waren unter Euch. Oder einer, der drei Flaschen davon doch trank. Heimlich :)) Und wie war das doch mit Getränk D, das ich Euch auf die Liste zu schreiben quasi erst drängen musste, durch die ehrlich erstaunte Frage, ob man das denn in Eurer Generation nun gar nicht mehr konsumiere. Na gut, reagiertet Ihr leicht genervt, und ließet mich – wie um mir einen Gefallen zu tun – zwei schlappe Flaschen davon auf die Liste schreiben. Soll ich Euch mal was sagen? Ihr habt neun davon getrunken. In Worten: neun!
Das alles verstehe wer will …

Da habt Ihr sensationell gute Matheabiture geschrieben. Und nicht nur Mathe. Wir werden Euch nächste Woche mit Preisen und Ehrungen und Studienstiftungsempfehlungen behängen. Ihr habt eine denkwürdige Abizeitung verfasst. Das Schulleben mit all Eurem Dasein nachhaltig geprägt. Die Schule ist voll von Eurem Wirken und Wesen. Es wird uns schwer werden ohne Euch.
ABER:
Bei einer so simplen Getränkeliste, da versagt Ihr?!
Ich kann nur sagen: Die Sache mit der Lebenspraxis, die müssen wir noch üben. — Neee, nicht mehr „wir“: das ist jetzt Euer Bier, ganz allein Eures. Ihr seid ja nun flügge.
Und im tiefsten Innern meines Herzens bin ich überzeugt, dass ihr das mit den Getränkelisten auch noch lernt im Leben :)

PS.
Apropos Abizeitung – das Lehrerzimmer bestand heute nur noch aus lesenden Lehrern. Vermutlich lag ab der 5. Stunde der Schulbetrieb komplett flach, weil alle Lehrer nur noch Abizeitung gelesen haben. Echt gut, Euer Werk.
Nur dass ich da den Satz finde, Ihr würdet nie vergessen, wie Frau Rebis am letzten Abend „hacke dicht“ gewesen sei. Hej, denke ich, die haben hellseherische Fähigkeiten. Naja, aber als „hacke dicht“ hätte ich mich nun gestern nicht bezeichnet.
Doch nein, Irrtum – Ihr meintet den letzten Abend in Berlin, damals in der 11. Ach so, das müsst Ihr aber dazu sagen. Aber wieso eigentlich, frage ich immer noch, „hacke dicht“? War es nicht viel eher so, dass wir Lehrer zwar ebenfalls aus dem Biergarten kamen, und ja, dort durchaus ein Bierchen und noch eins getrunken hatten, dass Ihr aber überhaupt nicht bemerktet, wie wir Euch am Telefon hochnahmen (vor allem der Herr S., der war soooo gut :)) und erst zwei Minuten vor Euch in der Herberge angekommen waren? Und dass Ihr Euch noch tausendmal für unsere Großzügigkeit bedankt habt. Und wir gekonnt simulierten, dass wir hier schon die halbe Nacht gähnend auf Euch warten ;-)
Ja, so war das. Nix da mit „hacke dicht“. Diese Erinnerung müsst Ihr erfunden haben. Denn die wahre Geschichte dieses letzten Abends habe ich Euch erst zur Zeugnisausgabe zwei Monate später erzählt. Bei der Zeugnisausgabe nämlich, wo die P. mehrfach mit einer halbverdursteten, schlappen Blume vor meinem Gesicht rumgewedelt hat.
Das wisst Ihr auch nicht mehr? Klar, Ihr schriebt ja, ich habe das weitaus beste Gedächtnis von uns. Stimmt. Ich glaube, ich hätte noch viele Geschichten zu erzählen. Wir müssen bald mal wieder  Kurstreffen machen …

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s