Die Stoffe dieser Woche

Das habe ich neulich gelesen:
Eine erzählt von ihrem Leben, seiner krankmachenden Dichte. Sie sieht das Bild vor sich, wie ihre Lebensstoffe bis aufs äußerste zusammengedrückt in einem Koffer wohnen müssen. Alles ist in Zeit und Raum zusammengepresst, bis keine Textur mehr erkennbar ist, nichts mehr durchscheint.
Ich möchte so viel Raum, wie es Stoff gibt, oder nicht mehr Stoff, als es Raum gibt. Und ich möchte die Zeit haben, ihn auszubreiten, zurechtzurücken, anzufassen und zu fühlen, zu sehen, was durch ihn hindurchscheint.
Ich auch.
Ich möchte das auch.
Ich möchte meine Stoffe ausbreiten, anfassen, spüren, hindurchschauen …

Und dann sind da Wochen wie diese.
Die Chefin kommt in meinen Unterricht, sie muss eine Beurteilung schreiben. Ich weiß vorher nicht, wann sie kommt. Bin für jede Stunde aber sowas von vorbereitet. (Denn ich will mich ja nicht gleich selbst aus dem Bewerberkreis herauskatapultieren.) Heute war das erste Mal. Ein zweites folgt. Und ein Gespräch mit ihr.
Notenschluss und Notenkonferenz der 13er. Möglicherweise noch mündliche Abiturprüfungsaufgaben erstellen, wenn sich ein Schüler dafür entscheidet.
Und die letzte Stunde mit „meinen“ 13ern am Mittwoch – ich werde ein paar Tränen vergießen.
„Meine“ Referendarin muss ihre pädagogische Arbeit festnageln und bekommt Unterrichtsbesuch, braucht ein paar Gespräche mehr als üblich.
Eine Klausur erstellen, zeitaufwändig, wegen ein paar unangenehmer Begleitumstände.
Die Tochter hat Geburtstag – ein Nachmittag ganz für sie, Delphinkuchen ist gewünscht. (Ha, das sagt die einfach so. Und ich sitze leicht hilflos vor diesem Wunsch. Hab schon den Sohn zu Rate gezogen, der hat mir ne Skizze gemacht :))
Zwei Tage später kommen sechs kleine Feiergäste. (Habe ich schonmal erzählt, dass ich Kindergeburtstagsvorbereitungen nicht mag? Aber sie wünschte sich zu meiner großen Erleichterung lauter „Standard“spiele, für die ich inzwischen fit bin. Und die Schatzsuche wird wie letztes Jahr made by brother sein.)
Noch einen Tag später kommt mein 13er-Kurs. Zum Abschiedfeiern. Das Essen bringen sie mit. Die Getränke, einen Kofferraum voll, werde ich noch irgendwann in einer freien Minute dieser Woche herbeikutschieren. Und am Sonntag Terasse und Garten für 25 Leute präparieren.
Ach ja, der Sohn. Ein Klaviervorspiel plus Probe, ausgerechnet diese Woche.
Und meine Personalversammlung.
Eine Kaffee-Einladung, nicht abzulehnen.
Dazu noch all die Dinge, aus denen eine ganz normale Woche bei uns üblicherweise besteht.
Und das wars auch schon.

Wie sagte ich doch vorhin:
Ich möchte meine Stoffe ausbreiten, anfassen, spüren, hindurchschauen …
Es scheinen gerade nicht die richtigen Zeiten dafür zu sein. Nein, ich klage nicht. Das meiste ist selbstgewählt. Das meiste ist gut, selbst in seiner Dichte.
Aber ich beginne mich zu vermissen. Mich, und das Gespür für meine Stoffe.

(Und während ich dies schreibe, landet eine Referendarinnenmail im Postfach, ihr Unterrichtsentwurf ist durchzuschauen, es eilt …)

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Ein Kommentar

  1. Es kommen auch wieder andere Zeiten, mal ganz lapidar gesagt.
    Vielleicht trägt das Schreiben hier dazu bei, dass Du in wichtigen Lebensbereichen höchst belastbar bist….
    Gruß von Sonja

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