Schweigenbrechen

Nach zwei Tagen des Schweigens war der Moment der ersten Worte ein sehr eindrücklicher. Das stille Nebeneinander mit den vielen Menschen war mir seltsam gewesen. Endlich Augenkontakt – auch den hatten wir meiden sollen, um das Schweigen des Gegenübers zu respektieren – das empfand ich als befreiend.
Und Sprache und Stimme der anderen hören. Erstaunlich: diese schienen mir kaum überraschend – offenbar kann man Vieles an einem Menschen wahrnehmen, ohne dass dieser spricht? Das Wesentliche vielleicht sogar? Denn was wir bei der Schweigenbrechens-Mahlzeit austauschten, das waren größtenteils unsere Ich-Geschichten: woher wir kommen, wie und wie lange wir jetzt nach Hause fahren, als was wir arbeiten, was uns hier an diesen Ort geführt hat und was wir von ihm mitnehmen. Letzteres aber nur oberflächlich angerissen, inmitten des plötzlichen Lärms im Speisesaal.
Ja, sehr eindrücklich: Ich hatte all die Menschen um mich in den Tagen zuvor viel deutlicher wahrgenommen als jetzt im tosenden Gespräch. Als wenn Worte das Eigentliche zudecken, so schien es.
Wie oft mag das so sein: Worte verstellen. Dahinter und darunter und dazwischen und um sie herum ist ES. Das spüre ich beim Schreiben immer wieder, auch jetzt.
Und noch etwas wurde bei dieser Mahlzeit von den Worten verstellt: das Essen selbst. Ich weiß gerade noch, was es gegeben hat. Aber nur dunkel erinnere ich mich, am Rande nur habe ich es mitbekommen.
Während ich bei den Mahlzeiten im Schweigen alles – alles! – mit meinen Sinnen einfing: die Gerüche und den Dampf, der sich in kreisenden Schwaden aus der Schüssel emporhob, die Farben der einzelnen Gemüsestückchen, das Gesamtfarbenspiel auf dem Teller, sichtbare und schmeckbare Gewürzpünktchen, wie es sich anfühlt, mit dem Messer ein Stück Karotte durchzuschneiden, der Reis auf der Gabel – einzelne Körnchen fallen wieder auf dem Weg nach oben, die Blattformen im Salat – im Mund solche Vielfalt: heiß und kalt, fest und weich, scharf und mild – all das.
Und all das war plötzlich nicht mehr präsent, als wir während des Essens redeten …
Eindrücklich zu erfahren: Einen Großteil unseres Lebens verbringen wir so, dass wir das Eigentliche (mir fehlt gerade ein besseres Wort) nur am Rande mitbekommen, wenn überhaupt.
Diese Erfahrung bringe ich mit aus jenen Tagen – ein Geländer, an dem es zu üben gilt …

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