Von Fernsehkindern, oder wie soll man sie nennen?

Wie lange sieht Ihr Kind durchschnittlich pro Tag Fernsehsendungen, Videofilme, DVD bzw. wie viel Zeit verbringt es am Computer?„, lautet die Frage im Elternfragebogen zur „Einschulungsuntersuchung (Basisuntersuchung Schritt 1)“ hier im „Ländle“ für alle Kinder, die in anderthalb Jahren in die Schule kommen sollen.
Als Ankreuzmöglichkeiten stehen zur Wahl: Gar nicht – etwa 30 Minuten/Tag – etwa 1 bis 2 Stunden/Tag – etwa 3 bis 4 Stunden/Tag – mehr als 4 Stunden/Tag.
Weitere Frage: „Steht ein Fernsehgerät im Kinderzimmer?

Am Ende des Bogens werden die Eltern in einer Einverständniserklärung um Kreuzchen und Unterschrift gebeten, ob sie einverstanden sind, dass der Schularzt / die Schulärztin zu schulrelevanten Fragen und bei festgestelltem Förderbedarf Kontakt mit der betreuenden Einrichtung / dem Kinderarzt / der Kooperationslehrkraft / ggf. den therapeutischen Einrichtungen aufnimmt.
Ich finde ja, es fehlt ein entscheidender Punkt und ein Kreuzchen: Nämlich, ob die Eltern einverstanden sind, dass der Schularzt / die Schulärztin eigenhändig ins Kinderzimmer kommt, den Fernseher ausschaltet und dann herausträgt :(
Damit wäre den Kindern, deren Eltern das Kreuzchen ans rechte Ende der Skala setzen (wenn sie es denn überhaupt und ehrlich setzen), vermutlich am meisten geholfen. Dann könnte man sich vielleicht alle anderen therapeutischen und Fördermaßnahmen sparen.

Grundsätzlich stehe ich ja solch verordneten Untersuchungen und Nivellierungen der Kinder in  „Normskalen“ und den zuweilen recht dilettantischen Kommentaren von Amtsärzten (bei mir und den Kindern so manches erlebt) recht skeptisch gegenüber. Aber hier wäre doch mal ein echter Wirkungsbereich für ein solches Amt – finde ich.
Bloß: das geht ja leider nicht in der Praxis.

Ich erinnere mich, vor Jahren in einer Studie gelesen zu haben, dass Deutschlands Vorschulkinder im Durchschnitt 3 (oder waren es noch mehr?) Stunden täglich fernschauen. Und da sind die schon eingerechnet, die extrem wenig schauen. Außerdem ist davon auszugehen, dass die auf Umfragen beruhenden Zahlen möglicherweise noch tiefgestapelt sind. Nicht auszumalen also, was sich in manchen Kinderzimmern abspielt. Nicht umsonst reicht die Skala in dem Fragebogen so weit nach rechts.

Da schockiert es eigentlich überhaupt nicht mehr, was Grundschullehrer von ihrer Arbeit erzählen. Selbst hier auf der Insel der Seligen: wohlhabendes Südwestdeutschland, ländlicher Raum, „heile Welt“ also, selbst hier sitze ich immer mit offenem Mund in unseren Kooperationstreffen Grundschule-Gymnasium und glaube es nicht. Dass sie manchen Kindern erst beibringen müssen, wie man mit einer Schere schneidet (und dass man damit nicht dem Nachbarn ins Bein sticht), dass sie zuweilen Kindern (aus eigener Tasche) einen Wecker kaufen, damit diese überhaupt die Chance haben, pünktlich in der Schule zu erscheinen … und das sind noch die harmloseren Punkte.
Ich möchte gar nicht wissen, was aus Großstadtbrennpunktgrundschulen zu berichten wäre.
Doch ja, natürlich schockiert es. (Ich lese gerade meinen obigen Satz.) Aber es überrascht nicht mehr. Oder es überrascht zumindest weniger. Denn es ist ja nicht nur der Fernsehkonsum, der auf diese Kinder einströmt. Es sind ja vermutlich noch viele, viele Dinge mehr …

Seit diesem Schuljahr ist unser Gymnasium offene Ganztagsschule. Das heißt, dass wir – auf freiwilliger Basis – für die Klassenstufen 5 bis 7 eine durchgängige Nachmittagsbetreuung anbieten: mit Arbeitsgemeinschaften, Förderunterricht und Hausaufgabenbetreuung. Für mehr, für Ausruh- und Lesezeiten, für Spiele und für ruhiges Beieinandersein der Kinder haben wir leider weder geeignete Räume noch Geld noch Ausstattung. Alles findet in kargen ungemütlichen Schulräumen statt. Doch auch so schon wird das Angebot von sehr vielen Kindern wahrgenommen: fast ein Drittel dieser Jahrgänge. Obwohl wir erst damit starteten und es sich noch etablieren muss.

Die Hausaufgabenbetreuung leiten zumeist unsere Oberstufenschüler, die sich damit nicht nur etwas Geld dazuverdienen, die nicht nur in der ihnen übertragenen Verantwortung aufgehen, sondern die auch oft ein sehr liebevolles Vertrauensverhältnis zu den jüngeren Schülern entwickeln. Viel besser als wir Lehrer das könnten.
Und daher erzählen die Kinder ihnen so manches, plaudern unbekümmert von zu Hause. Da wird klar, warum sie sich auch nachmittags in der Schule wohlfühlen. Manche Kinder wollen am liebsten gar nicht nach Hause. Dort sei eh niemand, nur der Computer, und Mittagessen gäbe es nicht, und keiner, der ihnen bei den Hausaufgaben hilft. Oder es ist jemand da, aber der Fernseher laufe die ganze Zeit, keine Ruhe zum Lernen oder Lesen. Erstaunlich reflektiert erkennen sie, woran es liegt, dass sie nicht zu ihren Hausaufgaben kommen, dass sie ihre Tage „vertrödeln“, ja sogar, dass sie vom Computer abhängig sind. So formulieren es die Kinder.

Bei manchen Kindern erleben wir Lehrer schon nach wenigen Wochen ein Aufblühen in der Schule, bessere Selbstorganisation, bessere Noten, zuweilen wirkt ein Kind wie befreit – von so ein bisschen Betreuung am Nachmittag.
Mittlerweile „verordnen“ wir manchen Kindern die Teilnahme – da sind so viele, denen es gut tun würde, wenn sich jemand um sie kümmerte, jemand, der zuhört, was auf der Seele brennt, und der liebevoll-zugewendet hilft und nicht locker lässt, wenn Aufgaben zu erledigen sind. Aber es ist ja klar: lang nicht alle Eltern, die von uns diese dringende Empfehlung bekommen, melden ihr Kind an.

Oft denke ich über solche Kinder nach, ich erlebe sie ja täglich im Unterricht. Dass das nur die gymnasiale Spitze vom Eisberg ist, dessen bin ich mir bewusst. Was sich an Hauptschulen abspielt, kenne ich eigentlich nur aus der Zeitung (und aus dem Blog von Frau Freitag).
(Hier ist die richtige Gelegenheit, mal deutlich zu sagen: Ich ziehe tausendfach meinen Hut vor allen Grundschullehrern und vor Hauptschullehrern sowieso – DAS könnte ich nie, DAS was deren Arbeit ausmacht, kann ich mir nicht mal im (Alp)Traum vorstellen.)
Ja, wenn ich darüber nachdenke, könnte ich glatt zur Verfechterin von Ganztagesschul- und  Kindergartenbesuchspflicht werden, möglichst ab frühem Alter. Auch wenn man damit ein paar Kinder „treffen“ würde, in deren Elternhaus ohnehin mit Scheren und Weckern gearbeitet wird, und mit Zuwendung sowieso, die am Nachmittag also auch zu Hause ganz gut behütet sind. Eine Pflicht ist immer umstritten, aber gerechter wäre es allemal für all die Kleinen, die da unter so schwierigen Lebensbedingungen heranwachsen …

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4 Kommentare

  1. wenn man davon ausgeht, dass das „drehbuch des lebens“, das lebensskript mit urvertrauen und erlaubnissen, dass man auch geliebt wird, wenn man nicht alles richtig macht- dass dies so mit fünf jahren fertig ist, muss man leider davon ausgehen, dass diese dinge nur tropfen auf heiße steine sind. aber immerhin…jedenfalls sind deine sichtweisen sehr klar. gegen die getrübten von maßgeblichen politikern und pisa-menschen…

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  2. Ja, immerhin Tropfen auf heiße Steine – besser als nichts, sonst würden die Steine vielleicht ganz zerglühen … die Kinder dann fallen lassen, ist doch eh alles entschieden? Nein.
    Und klar weiß ich, dass es nicht nur am Fernsehen liegt. Das kam mir nur gestern im Fragebogen so in die Finger. Sehe ich weniger als Ursache der Misere, sondern eher als Indiz für die ganze Miserelage, die in diesen Kinderzimmern, diesen Elternhäusern herrscht.

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  3. Passend zum Fragebogen waren wir heute bei der U10 und die Kinderärztin fragte den Sohn anhand eines vorgefertigten Rasters: Schaust du mehr als drei oder mehr als sechs (sic!) Stunden fern? Der Sohn, der nur sonntags Löwenzahn und wochentags manchmal Logo schaut, war völlig verwirrt und sagte „eine Stunde – pro Woche etwa“. Diesen Wert konnte die Ärztin gar nicht in ihr Raster einfügen, und mir lief es ziemlich kalt den Rücken herunter. DREI Stunden fernsehen, wenn ich selbst nach einer halben Stunde innerlich schon ganz leer werde? Ja, arme Kinder! Ob es verpflichtende Kindergärten und Ganztagsschulen besser machen, weiß ich nicht. Die meisten, die ich gesehen habe, waren um einiges trostloser als der Garten, Spielplatz, Kaninchenstall, die Bibliothek und die Wiese hinter dem Haus, miserabel mit Material und Personal ausgestattet … Aber ich bin genau wie du ratlos, wie man dem Nichtmehrerzogenwerden, Nichtmehrbeheimatetsein und dem Inmedialenersatzweltenleben als Staat und Gesellschaft begegnen soll.

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  4. Ja, eine Trostlosigkeit darf nicht durch eine andere ersetzt werden. Schon gar nicht in Rundumpflicht für alle.
    Aber kostenloser Kindergarten und dafür Besuchspflicht ab 3 Jahre, und eine Grundschule, die nicht um 11.20 schon wieder zu Ende ist – das wäre wenigstens ein Anfang. Ein auf den heißen Stein tröpfelnder …

    Immer wieder unvorstellbar, überhaupt nicht auszumalen, wie es sich in den Köpfen und Seelen von VORschulkindern mit täglich drei und mehr Stunden Fernsehen anfühlt …

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