Barfußwahrheit

Nach dem letzten Urlaub hat es zu mir gefunden, mein Morgenritual: direkt nach dem Aufstehen, bevor das Haus und der Alltag in ihm erwacht, ein paar Minuten nur mit mir allein zu verbringen – im Garten, im Morgennebel, dem mittlerweile nächtlichen. Barfuß gehe ich hinaus – auch das hat sich gefunden, ist geblieben aus wärmeren Septembertagen. Damals dachte ich noch – wohlig den Boden und das taunasse Gras und erste Herbstblätter mit den Sohlen erspürend – wie lange ich das wohl beibehalten würde.

Es wurde kälter – meine Füße blieben barfuß, Morgen für Morgen. Ich lauschte bei jedem Schritt neugierig in sie hinein. Ein gutes Gefühl: in der Kälte die Wärme gleichsam enthalten zu spüren – die meines ganzen Körpers (denn oben herum hüllt mich nun eine wärmende Jacke ein), die in den Füßen aus dem Schlaf mitgebrachte, welche von Gras und Boden gar nicht so schnell hinausgezogen werden kann, und die zukünftige – spürbar im ersten Kribbeln, im Kältestechen der Sohle, welches schon die Ahnung der wohlig-warmen Rückkehr ins Haus mit sich trägt. Nein, das Kalte brachte mir keine Kälte, bisher.

Diese Woche fühlte es sich anders an. Stechend schon nach den ersten Schritten, schmerzhaft nach wenigen Minuten – und erstmals werden meine Morgengedanken weggeleitet vom Innersten hin zur Kälte an den Füßen. Meine Schritte sind nicht mehr ruhig-innig wie in den letzten Wochen, meine Gedanken bleiben nicht in mir, kreisen um ein Wie-lange-gehe-ich-hier-noch und Ob-ich-wohl-Schuhe-anziehen-sollte.

Ich weiß es nicht … ich weiß nicht, ob es nicht verrückt ist, mich der schmerzenden Kälte auszusetzen, mich selbst darin zu beobachten. Wohl ja, es ist ein wenig verrückt. Es ver-rückt meine Wahrnehmung, macht sie zur ungedämpften, schonungslosen Wahr-nehmung. Jeder nackte Schritt der letzten Wochen verband mich mit dem Boden. Mit meinem Boden, den ich nicht mehr missen möchte.
Eine Wahrheit eröffnet sich mir: Ich ertaste jede einzelne Furche der Erde – noch nie kannte ich unseren Garten so gut. Das kalte Gras streichelt mich und ist dabei ganz zärtlich – was wusste ich schon von solch ungewöhnlicher Zärtlichkeit? Einzelne Blätter und Halme reisen ein paar Schritte mit mir – manche wagen sich sogar bis ins Haus hinein – und ich sehe und bin mir dessen bewusst wie sonst nie. Ich erfahre: bleibe ich stehen, wird es scheinbar wärmer – die nächsten Schritte jedoch schmerzen dann umso mehr. Ich gehe ganz in meinen eigenen Füßen.
Diese Wahrheit loszulassen – nein! Und wenn es auch tägliche Schmerzen mit sich bringt – ja!

Nun lese ich selbst, was ich hier schreibe – wenn Euch dieser Text tatsächlich verrückt vorkommen sollte, dann mag es so sein. Ich kann nicht besser erklären, was mich morgens barfuß in die Kälte zieht. Es ist kein mich-beweisen-wollen, ganz und gar nicht. Es ist Neugierde, immer noch große Neugierde, Verbundenheit mit meinem Boden, und die fast schon magnetische Wirkung der Wahrheit, meiner barfüßernen, nackten Wahrheit.

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8 Kommentare

  1. Ich finde das auch gar nicht so verrückt, mal ganz abgesehen davon, dass ich sowieso meine eigene Auffassung von den verschiedensten Arten von „verrückt“ habe. Du nimmst einfach die Welt auf eine sinnliche Weise dar, die für dich gerade genau richtig zu sein scheint. Auch Schmerz darf doch dazugehören, solange er nicht zu intensiv wird und du die Warnfunktion, die er ja inne hat, überschreitest.
    Allerliebste Grüße an den Neckar
    Constanze

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