"Es geht schon"

Neulich Vorbereitungsgespräch mit Siebtklässlern, sie halten ihren großen Jahresvortrag in Physik.

Einer hat nichts vorbereitet, mir immer wieder gesagt, er bräuchte noch Zeit, er habe sich das Material noch nicht mal angeschaut.
Nun ist es nicht mehr lange bis Notenschluss. Nicht mehr viel Zeit für ihn.
Ich weiß gar nicht, wann ich das machen soll. Wir schreiben ja ständig Arbeiten, nicht mal die schaffe ich vorzubereiten.

Ach, ich weiß ja um seine Situation.
Biete ihm an, den Termin ganz weit nach hinten zu legen. Oder ob wir mit der Klassenlehrerin und der Schulleitung eine Regelung finden sollten, ihn ganz zu befreien vom Vortrag.
Nein, nein, ich will das ja machen.
Klar, ich kann mir vorstellen, wie sehr er sich an jedes Stück Schülernormalität klammert. Ein Vortrag als Zeichen: das ist mein Alltag. Hier ist alles ganz normal, hier kann ich mich halten, hier geht es immer weiter …

Meine letzte Idee: ihn von den Projekttagen zu befreien, damit er sich in dieser Zeit vorbereiten kann. Ihm einen Arbeitsplatz in der Schule bereitzustellen, ihn bei der Vorbereitung zu betreuen, wofür zu Hause gerade niemand Raum hat.
Mein Vater hat schon wieder ne Chemo. Meine Mutter ist nur im Krankenhaus, ich bin halt ständig allein zu Hause.

Das treibt mir die Tränen in die Augen. Ich will noch etwas sagen, doch da kommt dieses entschiedene:
Aber jetzt ist gut. Es geht schon.

Ach, kleiner F., wie sehr mich gerade dieser Satz schmerzt.
Viel stärker schmerzt, als würdest Du vor mir in Tränen ausbrechen, als würdest Du Deinen Schmerz aus Dir herausschreien, als würdest Du Deinen Ranzen wütend auf den Boden knallen – mit all dem könnte ich besser umgehen als mit Deinem „Es geht schon.

Wer hat Dir gesagt, dass es gehen muss?
Immer gehen muss, ganz gleich was geschieht?
Wer lebt Dir das vor???

Doch, ja, ich lebe das vor. Vielleicht. Wir Erwachsenen. Die wir uns zusammenreißen, beherrschen, überwinden, so tun, als sei es wieder gut. Selbst wenn nichts „gut“ ist, fügen wir uns einer inneren und äußeren Disziplin. Ich jedenfalls.

Und wenn ich jetzt Dich, kleiner F., mit diesen ach so „erwachsenen“ Worten höre, dann weint das kleine Mädchen in mir ganz sehr, ganz sehr …

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