Wellenbegegnung

Mama, ein schwarzer Punkt – was ist das?”, fragt die Tochter ängstlich, auf den Weg blickend, der vor ihr liegt. Ich sehe keinen Punkt – und sie fasst den Mut, diesem entgegenzufahren. Kurz darauf weiß ich, was sie meint: er wird größer, kommt ihr entgegen, wird erkennbar – der alte Mann, der schleppend seine Schritte setzt.

Die beiden gehen aufeinander zu, und als sie sich gegenüberstehen, halten sie inne. Schauen sich in die Augen, schweigend, lächelnd. Beide. Ganz still. Der alte Mann und meine kleine Tochter. Gegensätzlicher könnten sie nicht sein – sie auf ihrem flinken Laufrad, er mit seinen mühseligen Schritten, sie leuchtend, fast grell rotblauorangefarben, er trüb in zerschlissener, grauschwarzer Jacke.

Sie schauen sich an und schweigen, wenige Sekunden nur, gehen dann weiter.
Als er an mir vorbei kommt, hält er nochmals inne, lächelt liebevoll, mit Blick auf die Tochter: „Früh übt sich.“ Ich lächle zurück, sage nur „Ja.“
Ein paar Meter weiter wartet sie auf mich, blickt ihm nach: „Der läuft in Wellen.“
Stimmt, er schwingt hin und her in seinen mühseligen Schritten. „Du fährst ja auch in Wellen“, sage ich ohne Nachzudenken zu ihr. Ja, so fährt sie mit ihrem Laufrad tatsächlich, immer von einer Seite auf die andere schwankend.

Was man als Schwäche auslegen könnte – seine Kräfte reichen nicht mehr, ihre Fahrkünste noch nicht für eine zielstrebige Geradeaus-Bewegung – ist vielleicht nichts als die Wahrheit über unsere wirkliche Bewegungsform? Ein stetes Auf und Ab, ein stetes Hin und Her, ein ewiger Wechsel zwischen zwei Seiten des immer Gleichen …
Und dennoch den Weg entlang, auf schwarze Punkte zu, auf DEN Punkt zu?
Dass sie es schon übe, sagt er.
Sie benennt es: sich in Wellen bewegen.
Vielleicht gibt es kein besseres Wort für unser aller Bewegung?

Wellen sind belebend. Sie bringen das Wasser in die Tiefe und später wieder hinauf. Sie versetzen schwimmende Stöckchen in eine schwingende Bewegung, ohne sie in die Ferne zu spülen.
Ja, lebendig und schwingend wirkt, was wellendurchsetzt ist.
Wellen breiten sich in Kreisen aus, in wachsenden Ringen. Sie entspringen einem Quellpunkt in der Mitte, einem Zentrum, von dem alles ausgeht, sich in alle Unendlichkeit ausbreitet. — Ob es dorthin zurückkehren wird, in einer Gegenbewegung unter der Oberfläche vielleicht – das wissen wir nicht, das können wir nur ahnen …
(Ach, hier verschwimmen mir die Worte und die Gedanken …)

Und diese beiden Menschen, die in gegenläufiger Richtung unterwegs sind – sie auf dem Weg in ihr gerade beginnendes Leben hinein, er auf dem Weg aus seinem langen Leben hinaus – diese beiden sich begegnenden Menschen erkennen einander in ihrer Wellenbewegung. Sie schweigen, doch sie sagen sich das alles mit ihrem Blick.

Ach, liebe Tochter, vermutlich wirst Du Dich später nicht mehr an diese Wellenbegegnung erinnern. Aber ihre Botschaft, die werde ich für Dich aufbewahren, um Dir zu gegebener Zeit davon zu erzählen. Wenn Du sie nicht ohnehin schon kennst …

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4 Kommentare

  1. …bei deinen Worten klingt etwas in mir (wellenförmig und stark) und ich kann so genau nachempfinden was Du schreibst.
    Ich finde es unglaublich, wenn man solche Momente des Verstehens bei Kindern miterleben darf. Deine Tochter wird verstanden haben – ganz tief innen!

    Liebe Grüße
    C.

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  2. Aber ja, ich kann die Wellenbewegung meines Körpers beim Gehen auch spüren und überhaupt lebe ich in Wellen, das hab ich schon immer so bezeichnet. Auf und ab, hin und weg und wieder und wieder …
    Berührend die Vorstellung des alten Mannes und des jungen Mädchens. Ich habe beide auf diesem Uferweg gesehen, den du fotografiert hast und dich, die Mitte, sozusagen und momentan.
    Beide Bilder so schön – der Fluss sowieso :-) und diese grünen Wellen, einfach fantastisch.

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