Russischer Tag

12 Uhr mittags, wochentags – eine ungewöhnliche Zeit für unangekündigten Besuch, denke ich beim Öffnen. Erfasse mit einem Blick die Herkunft der beiden Frauen, werde neugierig, und wie erwartet kommt der wohlvertraute Akzent: ob hier jemand russisch spreche. Ja, ich, sage ich.
Die beiden sind nicht mal erstaunt. Was wiederum mich verblüfft (denn ehrlich: warum bitte sollte in einem Dorf-Neubaugebiet wie dem unsrigen, in dieser Gegend hier, irgendjemand russisch sprechen, so ganz zufällig? wenn man nicht gerade mich erwischt …).
Also gut, sie nehmen es wie es ist und legen los mit ihrer Suada über Lebenssinn und Sinnsuche, über das Einzige und das Wahre, und als sie nach kürzester Zeit ihre Bibel zücken und mir zitat-zitierend unter die Nase halten, wäre der Moment des Türschließens gewesen. Eigentlich. Wäre da nicht die geliebte Sprache, die ich sonst – außer in Selbstgesprächen (wirklich: tue ich!) – nicht praktizieren kann, deren vertraute Klänge ich sonst nie in mich aufsaugen darf …
Und so plaudere ich also weiter mit. Nicht über die Bibel – von den Sphären der „alleinigen ewigen Schrift“, der „einzig göttlichen Erleuchtung“, der „wirklich wahren Wahrheitsfindung“ (boah: ich staune, welch Vokabular ich mein eigen nennen darf!) versuche ich das Gespräch immer wieder zu konkreten Realia zu lenken: wo sie denn lebten, wo sie herkämen, dass ich auch schon in Moldawien, aber nie im Ural gewesen sei, woher ich Russisch könne und dass ich es ebenfalls entsetzlich fände, wie zu Sowjetzeiten Kathedralen gesprengt oder als „Atheismusmuseum“ zweckentfremdet wurden. Das wollen sie aber gar nicht vertiefen, sie halten mir unentwegt die Bibel unter die Nase – ich betone, dass es nun genug wäre, denn ich hätte selbst eine, sogar eine russische (na, diesmal staunen sie wenigstens).
Unser Gespräch gleitet ins Absurde ab – sie immer mit ihrer Erleuchtungswahrheit, und ich immer wieder da herausrudernd. Und doch ist die Sprache so schön, zu schön, als dass ich mich losreißen könnte. So stehen wir lange da und reden. Erleuchtet werde ich nicht, aber erfüllt wenigstens von dem Sprachklang und dem, was er in mir auslöst.
Nein, zu ihren Bibeltreffen werde ich ganz gewiss nicht kommen. Doch ja, sie dürften mir was dalassen.

***

Kein Zufall, dass ich am Nachmittag meine Slavistik-Freundin anrufe, wir alten Zeiten hinterherplaudern, uns an gute und beste Momente erinnern, an unseren verträumt-liebenswürdigen Russischdozenten und die fruchtlosen Diskussionen mit ihm, an Seminare in intimster Atmosphäre (zu zweit mit dem Prof), an unseren ritualisierten Nachseminar-Kaffee und das abendliche Bier nach der späten Literaturvorlesung, dienstags. Ja selbst unsere Altkirchenslavisch-Lerntreffen mit ihrem Motivations-Auf-und-Ab erscheinen uns in der Erinnerung als lustig-gesellige Zusammenkünfte. Verklärt, ja, sehr verklärt ist unser Rückwärtsblick …
Wir sprechen über uns und die, welche mit uns studierten. Ein paar sind Lehrerinnen: für Deutsch, Französisch, Mathe, Geschichte, Latein, Physik, für alles das, doch niemand von uns unterrichtet Russisch. Eine gestaltet derzeit – als Mutter, ehrenamtlich – Leseprojekte in einem Kindergarten (weiß ich zufällig, weil es der unsrige ist). Eine ist bei Langenscheidt, aber nur, weil sie Anglistin ist. Eine ist im diplomatischen Dienst, seit neuestem in Ruanda. — Mit Russisch haben wir alle nichts mehr zu tun.

***

Wohl auch kein Zufall, dass ich abends in einem Blog auf den Namen Svetlana Geier stoße, die neue Übersetzerin der Dostoevskij-Romane? Kein Zufall, dass ich gestern eine neue Webseite unseres alten Literaturwissenschafts-Profs finde? Dort mit beinahe tränenvollen, sehnsüchtigen Augen in Abstracts von Bücherwelten schwelge …

***

Als abends der Sohn in den Heftchen blättert, die die Frauen dagelassen haben, stellt er fest, dass das ja lustige Buchstaben seien. Vor allem das umgedrehte R. Das sei ein „Ja“. Aber wie sieht dann das R aus? Aha, wie ein P. Aber wie ist dann das P? Wie ein N. Und das N? Wie ein H. Und das H? Das gibt es nicht.
Er ist begeistert: scheint ihm eine interessante Geheimschrift zu sein. Vermutlich wird er sie in seiner „Bande“ künftig zum Kodieren vertraulicher Dokumente nutzen. Wenn die anderen Kinder denn mitmachen …
Ach ja, ist eben doch mein Sohn: So fasziniert habe auch ich einst angefangen, die kyrillischen Buchstaben zu entziffern, fast im gleichen Alter. Allerdings aus dem Von-Anton-bis-Zylinder-Lexikon-für-Kinder, nicht aus „Wachturm“-Heftchen ;-)

Und wenn ich mir was wünschen darf, dann soll er noch in anderer Hinsicht mein Sohn sein: Dann möge nämlich auch er seine späteren Lebensentscheidungen nicht allein an Zweck- und Nützlichkeitsüberlegungen ausrichten, dann möge auch er es wagen, gelegentlich „unvernünftige“, „überflüssige“ und um viele Ecken verlaufende Wege zu beschreiten, die zu nichts „nütze“ sind. Die in keinen gescheiten Beruf münden, die allenfalls einen brotlosen Künstler aus ihm machen. Die dafür Horizonterweiterung und Perspektivenwechsel bedeuten, die einem die Augen öffnen, das Lebensspektrum bereichern und ganz einfach ein Stück Lust am Leben mit sich bringen.
So wie mir mein Slavistikstudium. Dieses total „überflüssige“, „zu nichts zu gebrauchende“ Slavistikstudium, dem ich „unvernünftigerweise“ Jahre meines Lebens gewidmet habe. Vermutlich werde ich nie im Leben mehr eine Stunde Russisch unterrichten. Und doch: was wäre ich ohne meine Jahre in der Slavistik, was würde mir nicht alles fehlen …
Gut so, wie es war. Eine der richtigsten Entscheidungen meines Lebens, die Zeit so zu verbringen. Ja.

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3 Kommentare

  1. Letzte Woche habe ich überlegt, ob ich mir ne Auszeit in Petersburg mit ner kleinen Russischauffrischung gönnen soll. :-)

    Bei Frau Geier habe ich im Studium Generale Russisch gelernt. Eine sehr charismatische Frau voller Wissen. Leider habe ich viel zu früh aufgehört, da mir andere Sachen wichtiger waren. :-(

    Viele Grüße, Kat

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  2. ja, was jetzt: war das studium unvernünftig oder lebensintensitätssteigerung?
    wohltuend auf jeden fall, dass du dir für kinder echtes, erfüllendes leben wünschst und keine leistungstreiberin bist:-)

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  3. Na letzteres doch, auf jeden Fall. (Liest man das denn nicht heraus – *schnüff*? werde jetzt Anführungszeichen ins Post setzen).
    „Unvernünftig“ nur in der Sicht der „Leistungstreiber“-Außenwelt. Die es zweifellos gibt, und von deren Reden man (= ich) sich erstmal frei machen muss …

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