beobachten – im Sinnenregen

Vielleicht ist es schlicht nicht möglich, von Unerzählbarem zu erzählen. Doch immer noch drängt es mich, mein Erleben jener Tage zu teilen. Es scheint schon lange her, doch es ist mir gerade wieder sehr präsent.
Ich versuche es, weil es ein unglaublich tiefes und weitreichendes Erleben war, mich ganz im Sinnenregen zu spüren.
Ich fand und finde dort ein Geländer zum Michhalten, wenn es zu sehr kreiselt,
ich fand und finde dort ein Geländer zum Michspüren, wenn da scheinbar keine Verbindung mehr zwischen Innen und Außen besteht.
Meinem Sinnenerleben nachspüren, um Verankerung und Antenne gleichermaßen zu finden …

Meine All-Sinnes-Präsenz habe mich überfordert, schrieb ich dort. Dabei war ich selbst erstaunt, es so erlebt und vor allem so klar formuliert zu haben. War mir doch sehr bewusst, dass ich nur durch dieses Elementar-Erleben immer wieder in den Augenblick zurückzukehren vermochte, wenn Gedankengestalten in vielfältiger Form – zuweilen als stille Glut, zuweilen als züngelnde Flämmchen – am Wegesrand auftauchten und mich herauszureißen drohten.
Ich wollte ihnen nicht begegnen, diesen Gestalten, rief mir selbst „Stopp“ zu, und versuchte immer wieder, mich an meinem Sinnengeländer festzuhalten. Als bewussten Akt, als Flucht fast sah ich meinen Gang in „monotone“ Tätigkeiten, die mir mit ihrem immer gleichen Bewegungsablauf zur Meditation wurden: Bügeln, Abwaschen, Fahrräder aufpumpen, Wäsche legen, Fegen …

So einfach im Haushalt, so schwierig war dies auf meinen sonstigen Alltagswegen zu leben. Hier erwies sich der Sinnenregen eher als Sinnenflut, der ich hilflos ausgeliefert war. Von der ich mich auch jetzt überfordert fühle, lasse ich mich in vollem Umfang auf sie ein.

Will ich, was ich sehe, als Geländer mir ergreifen, wird es unerträglich, unerfassbar, was auf mich einprasselt. Im Auto zu fahren: jeder Lichteindruck kommt schnell, vergeht schnell, zu schnell, bleibt flüchtig. Mit den Bildern rasen die Assoziationen vorbei: in den Sinn, aus dem Sinn. Nur wenn ich aus Zug oder Auto heraus meinen Blick ganz bewusst in die Ferne richte, nur dann ist eine Ahnung von Verlangsamung da. Dann wirkt das Landschaftsbild als Ganzes, dann bekommt es da-seiende Sinngestalt, dann wird es mir als Lebensweltgefühl vorstellbar und erfassbar. Doch ein jeder Baum, ein jeder Zaun, der im Vordergrund vorbeirast, zerstört das Gefühl des Da-Seins sofort wieder.
Es ist ein Zuviel von allem. Der Mensch sollte zu Fuß unterwegs sein …
In Menschenmengen, in der Schule, auf dem Bahnhof, auf der Straße findet mein Blick keine Ruhe, er schweift und schweift, die Begegnungen mit Unmengen an Augenpaaren überfordern ihn. Versuche ich alles zuzulassen, bin ich in Sekundenschnelle überfordert. Meine Augen für alles zu öffnen: unmöglich, überfordernd, unverträglich mit meinem eigenen, inneren Tempo.
Nicht anders endet jeglicher Versuch, mich ganz auf akustische Sinneseindrücke einzulassen. Auch hier ein Zuviel an Lautem, Schrillem, Überforderndem.
Nein, auf diesen beiden Kanälen werde ich überflutet. Nicht, wenn ich im Garten sitze, nicht, wenn ich im Wald spaziere, nicht, wenn ich abends mit mir zur Ruhe komme. Nein, da nicht. Das sind mir die Stunden des Lauschens und Schauens. Aber auf meinen vollen Alltagswegen – da bin ich überfordert, da mag ich Augen und Ohren oft einfach nur schließen.

Vielleicht brauchte ich genau diese Erfahrung, um einen besseren, für mich gangbaren Weg zu finden: Augen und Ohren innerlich zu verschließen, nur in meinen Körper hineinzufühlen.
Spüre ich ganz tief hinein, in meine Beine und Füße, wenn sie Schritte setzen, in meine Arme und Hände, wenn sie etwas ergreifen, in meine Körpermitte, wenn ich mich bewege, in meine Körpermitte, wenn ich mich nicht bewege – das ist mir wahrlich stimmiges Erleben. Das lässt mich wach und – im Wortsinne – in mir sein.
Als besonderen Teil meines Körpers erlebe ich dabei meine Hände. Ihnen nachzuspüren, ihren Empfindungen zu folgen, meine Konzentration nur auf diese zu richten – in der Schulstunde, bei Kinderbeschäftigungen, unterwegs, bei jeglichem Tun – wie vieles ergreifen, erspüren, ertasten, erleben sie. Niemals aber sind es zwei Eindrücke gleichzeitig, niemals steigert sich das Erlebenstempo über mein eigenes hinaus, niemals weicht der Rhythmus von dem meiner eigenen Bewegung ab.
In der Hinwendung zu meinen Händen fühle ich mich nah bei mir, fühle mich mit mir verbunden, bin im Augenblick absorbiert. (Was zuweilen auch meine Familie feststellt – sind doch andere Kanäle dann ausgeschaltet.)
Hier ist Frieden, hier ist es gut, hier komme ich zur Ruhe.

Ich befürchte, ich kann das gar nicht richtig beschreiben. Es ist unsagbar, gerade weil es sich so ungeheuerlich anfühlt.

Und eine Frage stellt sich mir:
Wenn ich mich durch das Erleben meiner Hände führen lasse, wenn diese mir zentral stehen – bin ich dann nicht zu sehr im Tun und Machen befangen, gleite ich dabei nicht am Kern des Seins, des bloßen tatenlosen Seins vorbei? Ich weiß es nicht … Es fühlt sich ja dennoch richtig an, für den Moment.
Vielleicht sind mir die Hände Lehrmeister, mich darin zu schulen, auch im übertragenen Sinne das Richtige zu berühren, mit dem Richtigen in Berührung zu kommen: mit der Erde, wenn ich gehe … mit meinen Augen, wenn ich schaue … mit meinem Herz, wenn ich es öffne … mit dem anderen Menschen, wenn ich ihm liebend-mitfühlend begegne.
Nur in der uneingeschränkten Zuwendung ist Berührung richtig, nur wenn ich dazu bereit bin, werde ich vom Richtigen berührt.

Ach, ich schweife ab. Wollte ja nur erzählen, wie es sich anfühlte und anfühlt, im Sinnenmeer zu schwimmen, welches mich trägt, wenn ich mich vertrauensvoll hineinbegebe.
Es ist erschöpfend, sich so intensiv in diesem Wasser zu tummeln, weil mir Welt und Leben hier in großer Dichtigkeit und Nähe begegnen, weil sie in mich einströmen durch jede Pore. Und doch: es ist gutes, waches, richtiges Leben. Da ist kein Kreiseln.
Ja, es ist so wenig Kreiseln in diesem Sinnenregen, dass sogar Gedanken darin Platz finden. Als ruhige, nicht verwirbelnde, wortlose Begleiter. Und das fühlt sich groß an!
Doch dies erzählen zu wollen, treibt mich noch mehr in Sphären des Unerzählbaren. An dieser Stelle höre ich lieber auf …

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Ein Kommentar

  1. Aber ja, genau so ist das auch mit der Achtsamkeit. Sie nimmt dich raus aus diesem Sinnenregen, der auf dich einströmt.
    Viel zu selten „sitze“ ich mal und meditiere. Dabei übe ich die Achtsamkeit auf meinen Atem und dennoch höre ich alles, was aussen rum geschieht und nehme es wahr. Aber eben als ein Aussenrum, das ich weiterziehen lasse, ganz unbehelligt davon, weil ich den Fokus meiner Aufmerksamkeit eben auf meinen Atem richte.

    Ebenso kann ich meine Achtsamkeit bei einem Spaziergang oder immer, wenn ich gehe (alleine oder in einer Menge), z.B. auf das Aussen richten und was mir da begegnet, aber ebenso auf meine binnenkörperlichen Erlebnisse: Wie fühlt es sich im Knie an, wenn ich den Fuss hochhebe und absetze? Wie pflanzt sich die Bewegung im Becken und im restlichen Körper fort? Etc.

    Und bei dir sind eben gerade die Hände im Fokus. Wortwörtlich ein Begreifen der Welt und auch wieder ein (los-)lassen. Wie schön :-)

    Und solche Achtsamkeit nach innen bringt Ruhe, wie du es selber inzwischen erlebt hast.

    Vor zwei Wochen habe ich in der Achtsamkeitsgruppe in meiner Arbeit auch die Hände in den Mittelpunkt gestellt. Und genau das kann man ja jederzeit im Alltag tun. Das ist sozusagen gelebte Zen-Meditation. Kennst du Bücher von Thich Nhat Hanh? Er beschreibt genau das auf eine sehr schöne Weise, verbunden mit der Achtsamkeit für sich selber und anderen gegenüber.

    Vieles, was du schreibst, berührt mich übrigens sehr. Danke dafür :-)
    Constanze

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