Berg und See

Seit unserem Urlaub treiben mich Berg und See um. Versuche ich in mir Klarheit zu gewinnen, was ich erzählen möchte. Es ist nicht einfach. Ich schaue immer wieder meine Bilder an, sinne über Berg und See nach.

Nein, einfach ist es nicht. Aber ich schaue und suche und lausche in mir und sehe – auf den Bildern zunächst …


wie die ruhige, glatte Wasseroberfläche und die unruhige, raue Berggestalt einander in harmonischem Wechselspiel bedingen,


beide wissend oder besser: ahnend, dass sich das vom Sturm aufgepeitschte Wasser zu anderer Zeit auf die Seelenruhe des Felsens wird verlassen können.


Ich sehe, wie das Wasser dem Berg Licht schenkt, wie es schattige Hänge mit Spiegellicht erhellen kann,


und wie der See manchmal erst sichtbar wird, weil sich der Berg in ihm spiegelt. Macht das den Berg größer, bedeutender?


Gibt der Spiegel dem Berg zuweilen eine andere – seine wirkliche? – Gestalt?


Ich sehe, wie der See den Berg umhüllend birgt …


… oder verleiht erst der Berg dem See die auszufüllende Form?


Er, der See, schleift an ihm, dem Berg. Nimmt Sand und Gestein mit sich, legt es an anderer Stelle nieder, gestaltet dabei die Form immer wieder neu.
Und der Berg leistet Widerstand — ohne welchen es keine gemeinsame Form gäbe.



Und nur wo beide sich berühren, im schmalen Uferstreifen zwischen Wasser und Fels, nur wo beide ineinander übergehen, ist Veränderung, wächst neue Form, wächst Leben.


Es gibt ja Brücken zwischen den beiden.


Über beiden wölbt sich der gleiche Himmel, ein gemeinsamer Himmelsbogen.

Einer ist ohne den Anderen nicht der, der er wäre.

Und noch etwas, das ich, weil es so unsichtbar geschieht, oft vergesse:
Ist der See gleichsam ein Meer von Tränen,
nährt er sich doch von winzigen Tröpfchen, die aus dem Berg hervorquellen. Und aus den Regenfluten von Wolken, die erst vom Berg eingeladen werden, sich hier zu entladen.
Weinen beide irgendwie stets gemeinsam …

Langsam, mehr und mehr begreife ich:
Ich bin beides, ich kann beides sein. Jeder von uns ist beides. Wir können unsere Rollen tauschen und wechseln. Berg und See schwingen miteinander, zuweilen verschmelzen sie.

Nur in der Bewusstwerdung dieses steten Wechselspiels finden wir zusammen, können wir uns in der Beziehung begegnen.
Nichts ist starr, ich darf mich nicht in einer der beiden Rollen gefangen sehen. Morgen schon kann ich sein, was der andere heute noch ist. Und umgekehrt.

Sanftmut heißt der Weg. Sanftmut in alle Richtungen.

Und doch:
Es ist nicht einfach. Nein, überhaupt nicht einfach.

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6 Kommentare

  1. liebe frau rebis,

    wieder einmal bin ich zutiefst beeindruckt, wie du es versteht wunderschöne fotos mit grandiosen wortbildern zu kreieren, zu komponieren, um so auf „sanftmut“ hinzuführen.
    du müßtest dich mit deinen „weg-kreationen“ mal an einen buchverlag wenden!!

    einen schönen abend wünscht dir heike, die wohl von den fiesen viren der kinder etwas abbekommen hat. ich muß mir gleich einen tee machen…

    das bestätigungswort ist bezeichnenderweise „fiesse“.

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  2. Liebe Heike,
    dann wünsche ich Dir gute Besserung, oder: dass es Dich nicht so schlimm erwischen möge. Viel schlafen hilft, also halte ich Dich auch gar nicht lange auf ;-)
    (Heute sowieso nicht, denn ich hab bis morgen noch eine Latte Arbeit, für ein paar Stunden reicht es noch.)
    Und danke für diese Worte. Ich habe nur eben das Gefühl – manchmal, hier zum Beispiel – dass ich das gar nicht „mache“, sondern es von allein kommt, wenn ich nur auf die Bilder schaue. Auf die Fotos und auf die Erinnerungsbilder. Es ist irgendwie alles schon da – man muss nur lauschen, tief in sich und in der Natur.
    So wie Du die Wege belauscht hast … das habe ich heute erst einmal gelesen, aber morgen werde ich mehr Zeit haben. Solch ein wunderbares Bild – auch Deines.

    Sei gut zu Dir und werde gesund!
    Liebe Grüße
    Frau Rebis

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  3. Liebe Frau Rebis,

    Danke!! du ahnst gar nicht wie aufbauend deine Worte gerade für mich sind. sie berühren mich zutiefst und drücken genau das aus was ich im Moment fühle aber noch nicht in dieser Klarheit sehen kann.
    Danke!! du bringst gerade ganz viel Licht in mein inneres :-)

    Liebe Grüße
    Rina

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  4. Liebe Rina,
    und nun bin ich ganz gerührt …
    Weißt Du, dass sich mir selbst erst langsam und allmählich die Augen öffnen, ich fühle mich oft wie in einem Nebel-Meer schwimmend, bei diesem Berg-und-See.
    Und doch: vielleicht bin ich klarer als ich es selbst merke, vielleicht war dieser Text heute ein wichtiger Schritt für mich.
    Aber es zu leben? Nicht einfach … so lange schon nicht einfach …

    Sei lieb gegrüßt
    Frau Rebis

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  5. Liebe Frau Rebis, auch wenn ich deinen Text sehr mag (danke für den Link) kann ich dir nicht einfach zustimmen. Ein Berg ist ein Berg und ein See ein See, sie können ihre Rollen nicht tauschen, sie können sich nur berühren und gegenseitig bedingen…
    herzliche Grüße
    Ulli

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    1. Liebe Ulli,
      dieser optimistische Zugang ist ja auch schiefgegangen:)
      Andererseits glaube ich immer noch, dass wir (oder jedenfalls: ich) etwas von beidem haben, dass diese symbolisch-metaphorischen Zuschreibungen nicht eindeutig sind, dass diese wandelbar bleiben. Sonst könnten wir wohl auch nicht mit so vielen unterschiedlichen Menschen so „unfallarm“ kommunizieren.
      Aber möglicherweise gelten in nächsten Beziehungen andere Gesetze. Gern würde ich einmal mit Dir reden über Berg und See und all das, über das was Du darin siehst und spürst …
      Hab es friedlich an Deinem frühen Abend, wie schön,
      herzlichst Frau Rebis

      Gefällt 1 Person

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