Bilder eines Herbstes

Angefangen hat es mit der Kastanie, die mich am Wochenende beim Spaziergang anlachte und der ich – wie jeder Kastanie – nicht widerstehen konnte. Der Herbst ist da, sagte sie.

Gestern konnte ich an den Kerzen nicht vorübergehen, steckte drei in den Einkaufswagen, für die kommende dunkle Zeit. Ja, der Herbst ist da.

Ich begebe mich auf die Suche nach Herbstbildern, erinnere mich an die wunderbaren Farben aus einem besonderen Herbst, blättere in Unmengen von Fotos (10 Filme voll – das war damals viel) und stoße dabei auf ganz andere Erinnerungen, nach denen ich nicht gesucht hatte. Doch nun sind sie da.

Ich erinnere mich an einen Herbst, der schon viel früher als hierzulande beginnt. An Fleecejacke und Handschuhe im August, an mein Heimweh nach dem damals hochsommerlichen Deutschland. Vor allem aber an Heimweh nach den Freunden, dem Freund, mit dem ich alles teilen wollte, was mir dort begegnete. Weil es alles andere als einfach war, was mir jener Herbst zeigte.

Ich erinnere mich, wie ich die Kinder kennenlerne, die jeden Tag eine stundenlange Anreise in Kauf nehmen, um ein Essen und ein warmes Haus zu finden mit Menschen, die sich um sie kümmern. Ich sehe, wie sie mich argwöhnisch beäugen – mich, die für ihre Augen so fremd ausschaut, die ihre Sprache nicht ganz so fließend spricht, die anfangs nicht weiß, welches nun ihr Platz in diesem Treiben sein soll.


Ich sehe uns vor dem Haus das Herbstlaub zusammenharken, daneben die Frauen, beaufsichtigend, nicht selbst arbeitend, in der festen Überzeugung, die Kinder müssen zunächst zu gehorsamer Arbeit erzogen werden, bevor sie ihr warmes Essen verdient haben. Die Kinder wundern sich, als ich mitarbeite.


Später, erinnere ich mich, klettern wir auf einen Baum, mit etwas Hilfe komme auch ich da hoch. Die Kinder sind ganz ungehemmt, an mir zu ziehen und mich hochzustemmen, damit ich es schaffe – und jubeln, als dies endlich gelingt.


Ich weiß noch, wie Ira und Lena, beide so um die 13, 14 Jahre alt, eines Tages ein kleines Mädchen mitbringen und erzählen, das sei die Tochter ihrer Schwester, die auch schon trinkt, deren Mann auch schon prügelt, und dass sie deswegen beschlossen hätten, sich um die Kleine zu kümmern. Sie hätten ihr neue Kleider gekauft vom – vermutlich gestohlenen – Geld: ob wir sie dabehalten würden.
Wie die einzige Reaktion der Erzieherinnen in einer Moralpredigt über Ehrlichkeit und Diebstahl besteht, immer mit dem Verweis auf das Verhalten eines guten Christenmenschen. Und wie ich einfach nur losschreien möchte, weil ich das jetzt nicht noch hören kann, wo meine Seele schon komplett überfordert ist mit allem, was ich hier miterleben muss.


Ich erinnere mich an den Zahnarztbesuch mit dem 10jährigen Wowa und seinem Zahnschmerz, der ihm allmählich zur blanken Angst wird, je näher er dem Behandlungsstuhl rückt. Ich spüre die Blicke der anderen Patienten im Rücken, als quer durch den Wartesaal klar wird, dass wir von diesem Straßenkinderheim kommen. Ich weiß noch genau, wie sich das Kind an mich klammert – Wowa, der sonst Klebstoff schnüffelt und ausspuckt vor Erwachsenen – wie er weint und schreit und jammert, und wie er auf der Rückfahrt im Bus die Tränen tapfer unterdrückt, immer erfolgreicher, bis er an seiner Haltestelle grußlos aussteigt.


Ich sehe uns zu den „Ärzten ohne Grenzen“ fahren, wo die Kinder die Untersuchung schnell hinter sich bringen wollen, um sich möglichst als erste aus den Kleidervorräten die erlaubten drei Stücke herauszusuchen. Ich erinnere mich, wie ich erschreckt realisiere, dass Sascha ein Mädchen ist, was ich dem 8jährigen Kind bisher weder am Äußeren noch am Verhalten anmerkte, ich hielt „ihn“ wochenlang für einen Jungen.




Ich erinnere mich an unseren Ausflug in die Peter-Pauls-Festung: wie die Kinder sich unbedingt vor jedem Denkmal fotografieren lassen wollen und doch gar nicht so recht wissen, was sie an diesem Ort eigentlich sollen. Ja, was sollen sie eigentlich da? Können sie überhaupt sehen, was es an sogenannten touristischen Sehenswürdigkeiten zu sehen und zu erfahren gibt? Tja, was eigentlich?

An den Wochenenden dann werde ich selbst zur Touristin, sozusagen. Besonderes Ausflugsziel sind im Herbst die Parks in der Nähe Petersburgs. Dieses Farbenspiel! Und all die Pracht, der Prunk vergangener Zeiten.








Hier mischen sich für mich auf eigenartige Weise zwei Gefühle: Einerseits bin ich froh und erleichtert, jetzt, da ich frei habe, all das Düstere von mir schieben zu können, mich ganz im Farbenspiel zu verlieren, die Sonne auf der Haut zu spüren, das goldene Licht zu sehen. Und auf der anderen Seite lassen mich die Bilder dieser Straßenkinder nicht los. Die Farben scheinen getränkt von Düsterkeit, weil ich an die Kinder denken muss.

Und dann begegne ich in jenen Wochen noch anderen Menschen. Mich schockiert, unter welchen Lebensumständen ich sie antreffen muss, diese Frauen im Rollstuhl oder im Bett, weil es nicht mal Rollstühle gibt.


Ich sehe Ljudmilla vor mir, diese würdevolle Frau, die mir ihre Kindheitserlebnisse aus der Zeit der Leningrader Blockade erzählt – mir, der Deutschen! –, von Hunger unvorstellbaren Ausmaßes, davon wie Menschen zu Tieren wurden, davon wie Kinder das ganze Elend ihrer Familien auf sich nehmen mussten. Sie erzählt mir ihre lebendigen Erinnerungen an die schrecklichste aller menschengemachten Zeiten, und sie erzählt, wie ihr weiteres Leben ganz im Schatten dieses kindlichen Erlebens verlaufen musste, davon, wie ihr Körper und ihre Seele diesen Mangel niemals in der Folge wieder vergessen konnten, davon wie sie krank und kränker wurde und davon, wie schwer es ist, in Russland im Rollstuhl ein würdiges Leben zu führen.
Das alles erzählt sie mir an einem für mich reich gedeckten Tisch … ich bin aufs Äußerste beschämt.

Als ich gehe, nach unserer ersten Begegnung, darf ich ihr Tagebuch aus der Blockadezeit mitnehmen, ein auf der Schreibmaschine mit vielen Durchschlägen „veröffentlichtes“ Dokument. Es gibt keine Worte dafür, was ich beim Lesen empfinde. Ich finde auch bei unseren weiteren Treffen ihr gegenüber kaum Worte für das, was dieser Text in mir auslöst. Ich treffe sie noch einige Male.


Auf einmal erscheinen mir die Straßenzüge, durch die ich täglich gehe, gar nicht mehr so trist.


Auf einmal finde ich auch diese Tür erträglich, hinter der ich für 100 Dollar im Monat ein Zimmer gemietet habe (im Wissen, dass das der Familie zwei Monate zum Leben reichen wird).


Auf einmal scheinen mir auch die Mütterchen auf den Straßen nicht mehr gar so elend anzuschauen – jetzt, da ich von der noch viel größeren Grausamkeit der Blockade lese.

Die Maßstäbe verschieben sich. Und doch wieder nicht. Weiß ich doch, dass ich bald wieder nach Hause fahren werde. Weiß ich doch, dass das niemals mein Leben sein wird, welches mir hier in seiner schier nicht zu bewältigenden Schwere begegnet.

Nach drei Monaten verabschiede ich mich. Von den Kindern, von Ljudmilla und den anderen Frauen – für immer wohl. Die älteren werden nicht mehr leben, heute, so viele Jahre später. Und die Kinder – wer weiß? Waren sie vielleicht damals, in dem Alter, welches man gemeinhin Frühling zu nennen pflegt, schon im Herbst ihres Lebens angekommen, irgendwie?

Ich reise wieder ab, schwere Erinnerungen im Gedankengepäck, und unfähig zunächst, mich zu Hause wieder heimisch zu fühlen. Die Herbstsonne auf der Straße scheint mir unerträglich grell, die an mein Ohr dringenden Gespräche im Bus unerträglich banal, unser und bald auch wieder mein Alltag unerträglich an der Oberfläche plätschernd. Ein seltsames Gefühl kommt auf:
Als ob es mir in meinem Leben an einer echten Aufgabe mangelte,
welche Herausforderung und Zumutung gleichermaßen ist,
welche all die Leichtigkeit mit Tiefgang versieht,
welche mich ganz zu der formen wird, die ich bin,
welche sinnstiftend mich zu halten vermag im täglichen Tun,
welche dem Leben Wesentlichkeit verleiht.
Und dann wieder fühle ich mich in dieser meiner Sehnsucht zutiefst undankbar, als ob ich all das nicht zu schätzen wüsste, was das Leben mir als gute Gaben bereitgehalten hat. So als forderte ich das Schicksal heraus …

Das war vor vielen Jahren.
Warum nur fällt es mir heute so intensiv wieder ein?


Diese kleine Kastanie hat alles ausgelöst. Ich betrachte sie.





Und ich versinke mit meinen Gedanken in den Herbstnebeln, die heute morgen unsere Felder umhüllten, die am Tag nach und nach dem Sonnenlicht Raum gaben. Die sich zurückzogen, so dass die Herbstfarben sichtbar werden konnten.

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4 Kommentare

  1. Danke für deine Erinnerungen.

    Sie haben meine an St. Petersburg geweckt. Anno 1995. Bei einer Dame eingemietet, die sich davon auch mehrere Monate über Wasser halten kann. Gespräche mit älteren Damen in Petrograd, wieviel Rente sie bekommen und wieviele Tage sie damit überleben können. Gespräche mit der Dame in Moskau, bei der ich drei Tage untergebracht war, die jeden Abend Piroschki und Pelmeni und weiteres produziert und tags drauf auf dem Markt verkauft hat, die Zimmer vermietet an Reisende, weil ihr Gehalt als Akademikerin in keinster Weise ausreicht. …

    Erinnerungen an eine faszinierende Stadt, an wahnsinnig freundliche Menschen, an eine tolle Zeit.

    Viele Grüße, Kat

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